Berlin : Eisen, Leder, Gummimasken

Zur Premiere des zweiten Teils des „Herrn der Ringe“ warfen sich die Fans in raue Schale

Robert Heinrich

„Frodoooo, hast Du etwa wieder gekifft?“ donnert Zauberer Gandalf. Als ihm der kleine Hobbit frech von den vorzüglichen Hanfplantagen im heimatlichen Auenland berichtet, haut ihn „der Graue“ kurzerhand von der Puppenbühne. Keine Pointe ist den Witzbolden des Figurentheaters am Dienstagabend zu schräg, um den Film „Herr der Ringe“ zu veräppeln, zu dessen Vorpremiere sie im UCI-Kino in Friedrichshain auftreten.

Wissend schmunzeln die Zuschauer über die Gags. Schließlich hat sich hier am späten Dienstagabend ein Expertenpublikum versammelt, um gemeinsam den zweiten Teil der Ring-Trilogie zu feiern: die grimmigen Krieger von Rohan, die in Eisen und Leder durchs Foyer stolzieren; der bärtige Zwerg Gimli, der inbrünstig den Dudelsack bläst; holde Burgdamen mit schweren Silberbroschen, die sich zum höfischen Reigen versammelt haben. Schließlich die beiden gar furchteinflößenden Orks, die beiderseits des Treppenaufgangs lauern und tückisch nach den Beinen der Kinobesucher schnappen. „Kann so schwer sprechen“, murmelt der eine und fummelt sich das schleimige Gummigebiss aus dem Mund. Ork „Macro“ ist Mitglied der Rollenspieltruppe „Weltenwandler“, die in der sterilen Eingangshalle des Kinos einen Hauch von Mittelerde verbreiten soll. Sonst versammelt sie sich auf märkischen Burgen, um Feenmärchen, Königsepen und düstere Endzeitdramen zu spielen.

Die huldvolle junge Dame im mittelalterlichen Gewand und Nickelbrille scheint irgendwie in dieser Welt steckengeblieben zu sein. „Ich bin Eowyn, Nichte des mächtigen Königs Theoden, in dessen Thronsaal wir uns hier befinden“, beharrt sie und lächelt versonnen. Der hochgewachsene Rittersmann neben ihr blickt gar bedrohlich auf die Menge herab. „Wir sind ihrer Exzellenz Leibwache. Komme Er ihr nicht zu nahe!“

„Es gibt so viele hinreißende Menschen in der Fantasy-Gemeinde!“ schwärmt „Lilith“, eine Walküre in üppigen Gewändern und blitzendem Stirnreif. Bei den Weltenwandlern fühlt sich die Frau, die im bürgerlichen Leben die Marketing-Expertin Myra Briese ist, geborgen und verstanden: „Wir haben vielleicht nicht mehr Fantasie als andere, aber wir leben sie aus!“ Seit Ewigkeiten schwärmt sie für das in sich geschlossene Tolkien-Universum. „Die Helden sind klein und schwach, wachsen erst an ihrer großen Aufgabe!“

Heroisch müssen auch die Fans sein, denn sie stehen vor einer Marathonnacht. Das überlange Schlachtenepos startet erst nach null Uhr und fordert hartes Sitzfleisch. Als die Krieger schließlich um halb vier in die kalte Nachtluft wanken, haben die meisten winzige Augen.

Auch die Grafik-Studentin Julia Weingart ist hundemüde. Vor dem Film hat sie, die Tolkiens Werk in- und auswendig kennt, noch über die kostümierten Gestalten gelästert: „Diese Pseudo-Fans nannten den Turm des Zauberers Saruman doch tatsächlich Isenburg statt Isengard!“ Nach dreistündiger Dauerberieselung durch pompöse Musik, schleimige Monster, Blutströme und rollende Ork-Köpfe ist Isengard gefallen und Julia vom Film enttäuscht. „Zu viele verschiedene Handlungen, zu wenig Erzählfluss“, kritisiert sie. Vor allem aber will sie schlafen.

Zu dieser späten Stunde hat Christian Gros seinen Stand längst abgebaut. Der Inhaber des Mittelalterladens „Zinnerei“ grollt den Kinomanagern, die ihm verboten hatten, Honigwein auszuschenken. „Die wissen doch gar nicht, was wir hier feiern, sorgen sich nur um den Getränkeumsatz!“ In der Tat wirkten die dynamischen Anzugträger an diesem Abend reichlich deplatziert im Gewimmel der Gummimasken und Blechhelme. Honigwein, so ein Manager, rentiert sich nicht. Dafür lockte die Kinobar, die den Neonlampen-Charme eines Solariums verströmt, mit einem neuen Super-Schnäppchen. Zum düsteren Mittelalter-Spektakel gab’s für nur zwei Euro fünfzig sonnige Caipirinha.

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