Berlin : Elke Wehr (Geb. 1946)

Ein Mensch, der es mit sich selbst aushielt.

Simone Guski

Niemand sah sie in Madrid anders als in Schwarz. Selbst bei der Arbeit am Computer: von Montag bis Freitag, jeden Morgen, setzte sie sich in ihr Arbeitszimmer in der Calle Marqués de Urquijo und übertrug Seite um Seite vom Spanischen ins Deutsche, perfekt gekleidet, ganz in Schwarz. Ehe sie nicht mindestens ein Dutzend Seiten geschafft hatte, stand sie nicht auf. Dann erlaubte sie es sich, meist mit einem langen Blick aus dem Fenster, die blaue Stunde Madrids zu genießen, wegen derer sie die Stadt so mochte, wegen derer sie so viele Jahre hiergeblieben war.

Sie übersetzte die Essays von Octavio Paz, die Romane von Vargas Llosa, Bücher von Cortázar, Bastos, Semprún, Carpentier, Vallejo. „Mein Herz so weiß“ von Javier Marías wurde in ihren deutschen Worten fast eine Million Mal verkauft.

Ein Hauch von Tragik umwehte sie, die sie kultivierte. Tatsächlich verdankte sie ihre Leidenschaft zur lateinamerikanischen Literatur einer Liebe. Ihre romantischen Gefühle der Studentenzeit galten einem brasilianischen Soziologiestudenten und Gutsbesitzersohn. Als er auf Urlaub in Brasilien war, ging er eine arrangierte Ehe ein, ohne Vorankündigung. Elke Wehr, seinerzeit noch im Übersetzerfach für Französisch eingeschrieben, machte sich mit guten Portugiesischkenntnissen auf ins Land des Geliebten. Sie erkannte schnell, dass die Situation für sie verloren war – und reiste drei Monate allein durch Südamerika.

An ihre erste Übersetzung aus dem Spanischen, wagte sie sich, ohne die Sprache gelernt zu haben. Sie wollte sich beweisen, dass sie nicht den Verflossenen brauchte, um dessen ganzen Kontinent zu besitzen. So viel anders als das Französische und Portugiesische konnte das Spanische nicht sein.

Die Hingabe an die große Literatur verdankte sie ihrem Vater. Der war Schauspieler und hatte ein Faible für Shakespeares Tragödien. Dabei lagen ihm die komischen Rollen mehr. Er kämpfte um seine Engagements, trat mal hier auf und mal dort – und Elke Wehr hatte schon als Kind in dreizehn verschiedenen Städten gelebt.

Ihre ersten Lektionen in Lebenskunde hatte sie in der DDR gelernt. An der Transit-Raststätte ließ sie sich von Westlern Bananen schenken, denen sie das Arme- Leute-Kind vorgespielt hatte. 1961, im letzten Augenblick, gelang es der Familie mit dem Fahrrad in den Westen zu gelangen. Unter weiten Mänteln verbargen sie ihr Hab und Gut.

Das Sonntagshühnchen, so erzählte sie später, wurde auch mal am Bügeleisen geröstet. Mehr als zwei Zimmer konnten sie sich nicht leisten, eins für Elke und den Bruder, das andere für die Eltern. Durch die dünne Wand dazwischen hörte Elke den Vater auf und ab gehen und seine Rollen lernen. Leben und Literatur waren da schon eins.

Sie hatte gelernt, sich in schwierigen Situationen zurechtzufinden. So konnten sie in den achtziger Jahren in Madrid auch die explodierenden Mietpreise nicht aus der Fassung bringen. Auf einem großen Fest überzeugte sie eine Marquise, dass man etwas für die spanische Kultur tun könne, indem man ihr, Elke Wehr, die großbürgerliche Wohnung an der Urquijo zu einem Spottpreis vermieten würde.

Elke Wehr lebte in und mit den spanischen Geschichten. Sie übersetzte wie andere stricken. Fast zehn Jahre lang donnerten morgens die Schwerlaster mit den Meeresfrüchten aus Galizien an ihrem Fenster vorbei, jeden Sonntagnachmittag trotteten die Mulis dort entlang, die die toten Stiere aus der Arena zogen. Und die Übersetzerin versank in den Romanen.

Wie verwandelt war sie, als Javier Marías sie zum Jahresempfang des spanischen Königs mitnahm. Dem Autor war es, als führte er ein blondes Mädchen in ein Märchenschloss. Für ihn war sie die typische Deutsche, geradeheraus, fleißig, genau – wie Goethes Gretchen. Es heißt, er wollte sie als Protagonistin eines Romans neben Immanuel Kant auftreten lassen. Alle beide, Javier Marías und Elke Wehr vergaßen nie, wie sie ihn mal auf einen Widerspruch in einer Textstelle hingewiesen hatte. Dem Ernst, mit dem sie ihre Entdeckung offenbarte, konnte er sich nur beugen.

Ebenso wie das Romane-Schreiben ist das Romane-Übersetzen eine Arbeit für Menschen, die es mit sich selbst aushalten. Ein halbes Jahr fuhr sie allein nach Argentinien, um dort neue Autoren ausfindig zu machen. Bald darauf für drei Monate nach Mexiko. Später wohnte sie ganz allein in einem zugigen, alten Landhaus in den Bergen nahe Valencia. Und wenn sie die Sommer in Berlin verlebte, machte sie einsame, wochenlange Fahrradtouren.

Selbst Javier Marías, der Autor, dem sie am meisten verbunden war, erfuhr von ihrem Lungenkrebs erst wenige Tage vor ihrem Tod. Simone Guski

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