Berlin : Ella Barowsky und die christlich-jüdische Zusammenarbeit

Amory Burchard

"Sich überhaupt wieder begegnen zu können" - das sei das wichtigste Anliegen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gewesen, sagt Ella Barowsky. Die Berliner Nachkriegspolitikerin der ersten Stunde - Stadtverordnete für die LDP (später FDP) und Bezirksbürgermeisterin von Schöneberg - engagierte sich früh in dem Projekt der Wiederannäherung zwischen Juden und Nichtjuden. Im Gründungsjahr 1949 seien die Gräben noch tief gewesen, und gleichzeitig habe es auf beiden Seiten ein starkes Bedürfnis gegeben, wieder miteinander zu reden, sagte die 87-jährige Ella Barowsky jetzt in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Für politisch interessierte und liberal denkende Menschen in Deutschland sei es nach 1945 unmöglich gewesen, sich nicht für die deutsch-jüdische Versöhnung zu interessieren. "Wir hatten ja noch erlebt, dass unsere Nachbarn Juden waren und dass sie wegkamen." Berliner Juden, die in Verstecken überlebt hatten, erinnerten sich an gute Beziehungen zu christlichen Deutschen. Sie wollten an diese "guten Zeiten" anknüpfen.

Das wahre Ausmaß der Verbrechen an ihren jüdischen Mitbürgern habe sie erst nach Kriegsende überblicken können, sagt Ella Barowsky. Sie selbst habe das Naziregime abgelehnt, sei aber keine Widerständlerin gewesen. Nach einem Studium der Nationalökonomie an der Berliner Universität war sie in verschiedenen kleinen Büros von Berliner Wirtschaftsunternehmen tätig und hoffte, "es werde hoffentlich zu überstehen sein". Ihr sei früh klar gewesen, dass es mit dem "Tausendjährigen Reich" ein böses Ende nehmen würde, und sie habe von der Existenz der Konzentrationslager gewusst. Trotzdem seien die Bilder der Ermordeten und die Nachrichten über die Schicksale der deutschen Juden "ein wahnsinniger Schock" gewesen, sagt Ella Barowsky.

Der Christlich-Jüdischen Gesellschaft sei es in der ersten Zeit vor allem darum gegangen, "diese schreckliche Fremdheit, die durch die Verfolgung entstanden war, zu überwinden". Ella Barowsky erinnert sich an Filmabende, die in leidenschaftliche Diskussionen mündeten. Die Filme, die das christlich-jüdische Publikum sah, hätten bewusst nichts mit der Nazizeit zu tun gehabt.

Von den jüdischen Gründungsmitgliedern stand Ella Barowsky ihrer Politiker-Kollegin Jeanette Wolff (SPD) besonders nahe. Die Stadtverordnete und Berliner Bundestagsabgeordnete hatte in der Nazizeit bis auf eine Tochter ihre gesamte Familie verloren. Trotzdem sei sie den christlichen Mitgliedern der Gesellschaft ohne Vorbehalte begegnet, "weil sie die Leute unterschieden hat in Nazis und gute Deutsche". Privat trafen sich die Politikerinnen Anfang der 50er Jahre bei einer Gallenkur in Bad Mergentheim. "Wenn wir beim Abendbrot saßen, erzählte sie jüdische Witze", erinnert sich Ella Barowsky. "Wir sind fast geplatzt vor Lachen, und es war sehr gut für die Galle."

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