Elternkurse in Berlin : Zwergenschule für Säuglinge

Es gibt in Berlin unzählige Kursangebote für junge Eltern und ihre Babys. Pekip oder Pikler – welcher Kurs passt? Ein Überblick.

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Nackedeis im Fokus. Normalerweise tragen Babys im Pekip-Kurs keine Windeln, sondern sind ganz nackt.
Nackedeis im Fokus. Normalerweise tragen Babys im Pekip-Kurs keine Windeln, sondern sind ganz nackt.Foto: picture-alliance/ dpa

Manche Mütter schwören darauf, für andere ist es eine lästige Pflicht: Ein wöchentlich stattfindender Eltern-Kind-Kurs, der meist während des ersten Lebensjahres besucht wird. In Berlin gibt es unzählige dieser Kurse – mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten. Und zwar so viele, dass man daran scheitern kann, den passenden auszuwählen: Was bitte ist der Unterschied zwischen Pekip und Pikler? Fabel oder Delfi? Was soll das bitte sein? Und warum sollte man Babys massieren? Wir erklären, was es mit den unterschiedlichen Kursen auf sich hat. Dabei wird es oft um „Mütter“ anstatt um „Eltern“ gehen – denn auch wenn es in Berlin eine Reihe von Angeboten speziell für Väter gibt, gruselt es viele Männer schon beim Gedanken daran. Und viele halten andere Väter für nicht mehr ganz ernst zu nehmen, wenn diese an so etwas teilnehmen (das ergab eine selbstverständlich nicht repräsentative Umfrage der beiden Autorinnen im weiteren Bekannten- und Kollegenkreis).

PEKIP

Wenn Sie mehrere Babys sehen, die splitternackt – ohne Windel – auf einer Gummimatte umherkrabbeln (und drumherum tratschende Eltern), dann sind Sie in einem Pekip-Kurs gelandet. Entwickelt wurde das Prager Eltern-Kind-Programm von dem tschechischen Psychologen Jaroslav Koch, der in den 70er Jahren herausfand, dass Säuglinge in ihren ersten Lebensmonaten schon wesentlich mehr Fähigkeiten besitzen, als man ihnen damals allgemein zutraute. Ausschließlich zertifizierte Gruppenleiterinnen führen durch die Kurse. Sie singen Lieder mit den Eltern und versuchen, die Kinder über Spielzeug zum Krabbeln und zum Entdecken anzuregen. Dafür arbeiten sie mit allerhand Materialien, wie große Spielkissen, Kletterröhren oder selbst gebasteltes Spielzeug. Dinge, die man zu Hause nicht unbedingt parat hat. Die Gruppenleiterin spricht außerdem Befindlichkeiten der Eltern im Lebensalltag mit den Babys an, klärt sie über den allgemeinen Entwicklungsverlauf der Kinder in ihrem ersten Lebensjahr auf. Besucht werden die Kurse von Müttern und Vätern mit Kindern zwischen vier Wochen bis zu einem Jahr. Nackt sind die Babys übrigens, weil sie sich so freier bewegen können, keine zu enge Kleidung oder Windel sie beim Krabbeln stört. Dafür muss der Kursraum allerdings gut beheizt sein, eine Zimmertemperatur von mindestens 20 Grad ist vorgeschrieben. Dass ohne Windeln auch mal die ein oder andere Körperflüssigkeit danebengeht, gehört beim Pekip dazu. Infos und Kurse unter www.pekip.de.

PIKLER

„Das Besondere ist, dass die Eigeninitiative des Kindes im Mittelpunkt steht. Die Eltern können sich zurücklehnen und die Kinder beobachten“, sagt Michaela Küpper-Hoppe von der Pikler-Gesellschaft Berlin über die Kurse, die auf dem Pädagogik-Konzept der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler (1902–1984) basieren, die mehrere Jahrzehnte lang ein Säuglings- und Kleinkindheim in Budapest leitete. „Spielraum“ nennen sich die Pikler-Kurse auch. Vor der ersten Stunde veranstaltet die Kursleiterin einen Elternabend ohne Kinder, in dem sie in das Konzept einführt. Danach gibt es jeden Monat einen weiteren Gesprächsabend für Fragen. Vor jeder Stunde stattet die Kursleiterin den Raum mit zur Entwicklungsstufe passenden Gegenständen aus: Körbe, Bälle oder einfache kleine Metallgegenstände. „Wichtig ist, dass das Kind selbst Geräusche damit verursacht“, sagt Küpper-Hoppe. „Und somit erfahren kann, wie die Geräusche entstehen.“ Sobald die Kinder anfangen zu robben, baut sie spezielle Pikler-Bewegungsgeräte aus Holz auf, etwa ein sanft geschwungenes Mini-Klettergerüst oder Kisten zum darauf- oder hineinklettern: „Es geht um kleine Höhen- und Tiefenerfahrungen, natürlich haben wir dabei immer die Sicherheit im Blick. Die Kinder lernen aus der kleinen Gefahr, große Gefahren zu vermeiden.“ Lieder und Spiele wie beim Pekip oder Fabel-Kurs gibt es nicht. „Das würde dem Kurs den Reiz nehmen. Die Eltern können genießen, mit dem Kind zusammen zu sein, ohne sie zu stimulieren oder zu beeinflussen, und erleben was sich von Woche zu Woche verändert. Die Kinder fühlen sich von den Eltern wahrgenommen und genießen die gemeinsame Freude, wenn etwas gelungen ist.“ Infos und Kurse unter www.pikler.de oder www.pikler-spielraum.de/adressen.html

FABEL

Was so märchenhaft klingt, ist in Wirklichkeit ein ziemlich schnödes Akronym: Fabel ist die Abkürzung für „Familienzentriertes Baby-Eltern-Konzept“. Es wurde 1997 von der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung, Familienbildung und Frauengesundheit(GfG) erarbeitet. „Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Kinder, sondern auch die Mütter“, sagt Sigrun Katins-Taheri von der GfG. Im Kurs werden sie angeregt, sich untereinander auszutauschen. „Wenn es den Müttern gut geht, geht es den Kindern meist auch gut. Fragen an die Kursleiterin sind wichtig. Zu ihrer Ausbildung gehören auch Kenntnisse über die körperlichen Veränderungen der Frau durch Schwangerschaft und Geburt. Es gibt aber auch Zeiten im Kurs, in denen man einfach nur die Kinder beobachtet und nicht spricht.“ Dazu gehöre ein „schöner Rahmen“, in dem die Mütter mal eine Auszeit vom Alltag finden, während die Kinder spielen. Die Mütter (und wesentlich seltener auch mal Väter) lernen Lieder und Spiele kennen, die sie auch zu Hause anwenden können. Belastungsfaktoren innerhalb der Familie sollten durch den Kurs „gemindert oder abgebaut werden“. Es geht also um Stillen, Schlafen, Beikost, Veränderungen in der Partnerschaft – je nachdem über welches Thema die Mütter gerade sprechen möchten. Auch für die Kinder gibt es Abwechslung: Mal wird mit Sand gespielt, mal mit Tüchern. Mal sind die Babys auch nackt, planschen in einem kleinen aufblasbaren Pool. Für die Mütter können sogar Beckenbodenübungen auf dem Programm stehen. Das gehöre allerdings nicht zum allgemeinen Kurskonzept, sagt Katins-Taheri. Aber: „Die Kursleiterinnen erarbeiten jeweils unterschiedliche eigene Konzepte, in die sie eigene Schwerpunkte und Stärken einbringen.“ Dadurch können sich die einzelnen Kurse sehr unterscheiden. Infos: www.fabel-kurs.de.

BABYMASSAGE

Das Licht ist gedämpft, im Hintergrund läuft sanfte Musik. Die Babys liegen auf Lammfellen oder weichen Decken, die Zimmertemperatur liegt bei 24 Grad. Das ist die ideale Ausgangssituation für eine Babymassage. Besucht man einen Kurs dazu, zeigt ein Experte den Eltern Methoden, wie Säuglinge am besten zu massieren sind, damit man ihnen nicht weh tut. Er erklärt ihnen verschiedene Kreis- und Druckbewegungen der Hände, die zu Wohlbefinden bei dem Kind führen sollen. So können bestimmte Massagetechniken beispielsweise gegen Dreimonatskoliken oder Blähungen helfen oder bei Schreibabys zur Beruhigung führen. Kurse dazu bieten Berliner Hebammenpraxen und Familienzentren an.

DELFI

In den Delfi-Kursen lernen Eltern Finger- und Berührungsspiele und Lieder sowie Halte- und Tragegriffe und sogar Babymassage. Entwickelt wurde das Konzept von der Evangelischen Familien-Bildungstätte Celle, es wird auch in Berlin angeboten – allerdings nicht ganz so häufig wie etwa Pekip. Manche Delfi-Kurse richten sich schon an acht Wochen alte Babys, andere starten mit zwölf Wochen alten Säuglingen. Wie beim Fabel-Kurs geht es auch um den Erfahrungsaustausch zwischen den Eltern. Eltern sollen im Kurs lernen, die Sprach- und Bewegungsentwicklung ihres Kindes „auf spielerische Weise zu begleiten und zu unterstützen“, meint Erzieherin Heidrun Jochim, die in Hellersdorf einen Delfi-Kurs anbietet. (www.delfi-eltern-kind-kurse.de). Einen weiteren Anbieter findet man unter www.delfi-babykurse-berlin.de; Kurse in Steglitz und Schöneberg unter www.delfi-eltern-kind-kurse.de. Infos zum Konzept unter www.delfi-online.de.

BABY-ZEICHENSPRACHE

Wie wäre es, wenn Babys tatsächlich antworten könnten? Das wüssten die meisten Eltern gern. Deshalb besuchen manche einen Kurs, in dem sie und das Kind eine einfache Zeichensprache lernen, mit der sie sich schon „unterhalten“ können, bevor die Kleinen wirklich reden. Eins der Konzepte zu dem Thema nennt sich „Baby-Signal“: „ Durch Gebärden können schon die Kleinsten kommunizieren, lange bevor sie sich mit Wörtern ausdrücken“, schreibt die Baby-Signal-Trainerin Tina Richter aus Spandau, die Kurse in Wilmersdorf, Moabit und Spandau anbietet.auf der Homepage www.babysignal.de. „Sie merken, dass sie verstanden werden, was ihre Freude und Motivation beim Sprechenlernen noch erhöht. Das Ziel in den Baby-Signal-Kursen ist der gemeinsame Spaß an der Kommunikation.“

Das Konzept der Baby-Signal-Kurse hat die Hamburger Diplom-Pädagogin Wiebke Gericke erarbeitet: „Gebärden werden als wertvolle Ergänzung für den Spracherwerb, besonders bei Babys, bevor sie sprechen können, betrachtet“, meint sie. Wichtig sei aber dass die im Kurs gezeigten Gebärden „nicht als frühes Lernprogramm zu verstehen“ seien. Babys ab etwa sechs Monaten lernen Sprache und Gebärden in den Kursen über Berührung, Lieder und Bewegung.

Es gibt auch weitere Kurs-Konzepte basierend auf der Gebärdensprache, etwa das der „Zwergensprache“ (Informationen unter www.babyzeichensprache.com). Babyzeichensprachenkurse sind eigentlich anderen Babykursen durchaus ähnlich – bei den meisten geht es schließlich um Bindung, Kommunikation und einen intensiven, angeleiteten Kontakt zwischen Eltern und Kind.

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