Berlin : Elvira Freifrau von Prinz-Buchau: Geb. 1912

Das Bild hängt immer noch an der Wand in ihrer Zehlendorfer Wohnung: Ein Ölgemälde von einem kleinen Mädchen mit schulterlangem blondem Haar und blauen Kulleraugen. Elvira von Zitzewitz als Vierjährige, eine kleine Majestät im Spitzenkleidchen. Aus ihrem Fenster konnte sie das Potsdamer Schloss sehen, der Ball, mit dem sie spielte, flog durch den königlichen Lustgarten. Vater Henry von Zitzewitz war als Polizeipräsident ein wichtiger Mann in Potsdam, außerdem von Uradel und dank der Heirat mit der großbürgerlichen Wera Bürgers auch sehr wohlhabend. Als junges Mädchen posierte Elvira für Porträtaufnahmen in der "Dame" und der "eleganten Welt", Zeitschriften der feinen Gesellschaft von damals. Eines dieser Fotos hat sie bis zu ihrem Tod in einer Schachtel aufbewahrt: In eleganter Abendrobe lächelt sie selbstbewusst in die Kamera, die Stola entblößt eine Schulter, im Dekolleté eine Rose, das blonde Haar in schimmernden Wellen onduliert. Auf dem Bild mag Elvira 18 Jahre alt sein, ihr Blick ist etwas keck - und ungetrübt von Zweifel und Schmerz. Bälle, Gesellschaften und Reisen in das europäische Ausland, eine gute Erziehung in der Kaiserin-Augusta-Stiftung und im Schweizer Pensionat, das waren Selbstverständlichkeiten im Hause Zitzewitz. Elvira tanzte schon als junges Mädchen in seidenen Kleidern auf dem "Kurmärkerball" der "Grünen Woche" mit den adligen Herren aus Brandenburg. Doch heiraten wollte sie keinen von ihnen. Vielleicht waren ihr die Adligen vom Land nicht gebildet genug, vermutet die Nichte, die sich jetzt um die Haushaltsauflösung kümmert und die Schachtel mit den Fotos zu den Kartons mit Geschirr und Bettwäsche sortiert. So blieb Elvira von Zitzewitz lange Zeit eine ledige Frau, bis zu ihrem 36. Lebensjahr. Eine jugendliche Liebe oder Schwärmerei? Davon ist nichts bekannt. "So etwas hätte sie sich auch nicht anmerken lassen", sagt die Nichte streng. "Virchen", wie Elvira in der Familie genannt wurde, sei eine lebhafte und humorvolle junge Frau gewesen, "aber immer vollendet formbewusst". Eine Liebe ohne die Aussicht auf eine gückliche Partie wäre einfach nicht in Frage gekommen. Vor dem Krieg blieb sie "das Fräulein von Zitzewitz" und lernte bürgerliche Berufe: erst Kindergärtnerin, später Sekretärin. Und als dann alle Männer im Krieg waren, war es fast unmöglich, noch einen unverheirateten Mann aus gutem - nicht notwendig adligem Haus - aufzutun. Als der zweite Weltkrieg begann, blieb ihr Leben davon merkwürdig unberührt, vom Leid ebenso wie vom Fanatismus der Zeit. Elvira hat ihren Verwandten oft erstaunt davon erzählt: Sie arbeitete, sie brachte ihren Rock zum Schneider, ging zu Gesellschaften und verabredete sich zum Kino.Auf Familientreffen erzählten Elvira und ihr Mann gern, wie sie sich nach dem Krieg zum ersten Mal begegneten. Da stand der Freiherr Kurt von Prinz-Buchau eines Tages vor ihrer Tür in der Lietzenburger Straße, völlig mittellos, von Krieg und Gefangenschaft schwer versehrt, mit nur noch einem Auge, einem Klumpfuß und Einschußlöchern in der Brust unter der zerlumpten Uniform, und fragte nach dem Fräulein von Zitzewitz, das ihm noch von gemeinsamen Skiferien in der Schweiz bekannt war. "Gnädiges Fräulein sind auf dem Tennisplatz," ließ die Hausangestellte den Fremden mit vornehm gehobener Stimme wissen. 1946 war das, Berlin hungerte und lag in Trümmern, Kurt von Prinz-Buchau hatte alles verloren. Elvira von Zitzewitz hatte auch wenig zu essen. Und doch spielte sie an diesem Tag Tennis, als wäre nichts.Hatte sie denn überhaupt kein Unglück erfahren, lebte sie tatsächlich so geschützt vor all dem Leid der Kriegszeit? Nicht ganz. 1945 hatte sie in einem Bunker in Kladow Gift geschluckt und auf den Tod gewartet. Ihre Eltern hatten sich bereits aus Furcht vor den einrückenden Russen im Templiner See ertränkt, ihr Bruder war an der Front gefallen. Doch Elviras Gift war alt, und der Tod kam nicht. Vielleicht hat sie damals im Kladower Bunker beschlossen, sich der Verzweiflung niemals mehr ganz hinzugeben, weder der eigenen noch der fremden. In jedem Fall konnte sie auch in ihrem späteren Leben kein Schicksalsschlag davon abhalten, sich täglich tadellos zu kleiden, nachmittags Tee zu trinken und höflich ihre Korrespondenz zu beantworten. Die, die sie kannten, beschreiben sie als eine bemerkenswert unsentimentale Persönlichkeit, die das Leben mit Haltung nahm, wie es sich eben gab. "Sie war auch ein sehr nachdenklicher Mensch", erinnert sich die Nichte, "immer gefasst aber auf keinen Fall oberflächlich."

1948 heiratete Elvira Kurt von Prinz-Buchau, eine Ehe für 52 Jahre und, wie Verwandte berichten, offenbar eine ungewöhnlich glückliche. Zwei Töchter hat das Paar großgezogen und jede Woche das Rätsel im FAZ-Magazin gemeinsam gelöst. Er leitete als Ministerialrat die Berliner Außenstelle des Wirtschaftsministeriums, zu Hause führte sie das Wort und umsorgte ihn. Als eine ihrer Töchter an Multipler Sklerose starb, half ihr das, was schon nach 1945 geholfen hatte: Rituale, Haltung und Formbewusstsein. Nie sah man Kurt von Prinz-Buchau anders als in Anzug und weißem Hemd. Nie Elvira in älteren Jahren ohne Haarnetz und Seidentuch. Täglich hörten sie beim Frühstück im Salon die Radiosendung "Am Morgen vorgelesen", den Tee nahmen sie im Speisezimmer ein. Beide liebten die Werke Thomas Manns und Fontanes. "Sie erzählten sich alles", erinnert sich eine Cousine. Diese enge Gemeinsamkeit von Mann und Frau war vielleicht der stärkste Halt im Leben von Elvira und Kurt von Prinz-Buchau.

Und sie fuhren leidenschaftlich gern zusammen Auto, immer in einem uralten Opel Kadett, immer in der Farbe Creme. Elvira chauffierte mit Lederhandschuhen, Kurt von Prinz saß daneben.

Im Sommer ist Elvira von Prinz-Buchau gestorben. Ihr Ehemann Kurt folgte ihr drei Monate später. kiw

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