Berlin : Endlich Ruhe

Als sie jung waren, stand Unzucht mit Männern unter Strafe. Viele ältere Homosexuelle haben sich ihr Leben lang versteckt. Für sie plant der Verein „Village“ in Schöneberg ein Altersheim. Einer sagt: Wenigstens im Alter möchte ich frei leben

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Wenn Oskar Hoffmann auf sein Leben zurückschaut, kommt es ihm manchmal vor, als sei er um vieles betrogen worden. Um eine intakte Liebesbeziehung, um Freundschaften, um soziale Kontakte. Oskar Hoffmann ist heute 68 Jahre alt, und mehr als drei Jahrzehnte lang hat er unterdrückt, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Inzwischen steht der pensionierte Lehrer zu seinem SchwulSein. Und er möchte später mal in einem Altenheim leben, wo er unter seinesgleichen ist – in einem Seniorenheim für Schwule und Lesben. In Schöneberg soll so ein Haus entstehen. „Village“ wird es heißen. Wenn alles nach Plan läuft, können im nächsten Jahr die ersten Bewohner dort einziehen. Oskar Hoffmann will dann dazugehören.

55 Menschen werden dort in altengerechten Wohnungen oder in der Pflege-Wohngemeinschaft leben können. Ein Gesundheitszentrum mit Arztpraxen, Physiotherapeuten und Heilpraktikern soll es im „Village“ geben. Und ein Kaffee oder ein Restaurant, in dem sich die Bewohner mit Freunden oder Nachbarn treffen können. Ein Bauplatz hat sich schon gefunden – ein ehemaliger BSR-Betriebshof in Schöneberg. „Wir haben den Standort bewusst so szenenah gewählt“, sagt „Village“-Vorstand Christian Hamm. Wenn sich jetzt noch ein Investor auftut, kann’s losgehen, meint er. Hamm ist Architekt und hat schon Pläne für das Haus. „Das Klientel, das in unser Haus ziehen soll, hat spezielle Bedürfnisse. Ältere Homosexuelle haben oft ihr Leben lang allein gelebt und wollen auf ihre Selbstständigkeit auch im Alter nicht verzichten“, sagt Christian Hamm. Außerdem hätten sie in der Regel keine Kinder, die sich um sie kümmern. Um einer Vereinsamung entgegenzuwirken, stelle man das Thema Kommunikation bei der Planung stark in den Vordergrund. „Wir nennen das Haus nicht umsonst Village, also Dorf“, sagt Hamm. „Wie in einem Dorf soll jeder für den anderen da sein und dennoch nach Bedarf alleine und für sich leben dürfen.“

Fachleute aus der Altenpflege sind der „Village“-Idee gegenüber aufgeschlossen. „Wir befürworten das Projekt“, sagt Anita Carstens von der Arbeitsgruppe Altenpflege des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe. Besonders für ältere Homosexuelle seien alternative Wohnformen wichtig. „Wir versuchen in der Altenpflege, den lebensgeschichtlichen Hintergrund der Senioren zu berücksichtigen. Und der bestand bei schwulen Männern wie auch bei lesbischen Frauen einen Großteil ihres Lebens aus Verschweigen und Verstecken“, sagt Carstens. In Berlin sind rund 40000 Homosexuelle älter als 60 Jahre.

Viele schwule Männer, die inzwischen im Seniorenalter sind, hatten noch stark unter dem Paragrafen 175 zu leiden – dem Gesetz, das „Unzucht“ zwischen Männern als rechtswidrig einstufte und eine Freiheitsstrafe dafür vorsah. 1969 wurde der Paragraf abgemildert, aber erst im Jahr 1994 wurde er ganz gestrichen. „In den Köpfen vieler Menschen ist eine gleichgeschlechtliche Liebe auch heute noch nicht nur moralisch, sondern auch gesetzlich zu verurteilen“, ist die Erfahrung von Ottokar Heurig. Heurig lässt durch seinen ambulanten Altenpflegedienst „Netzwerk“ neben heterosexuellen Patienten auch pflegebedürftige Schwule und Lesben betreuen. „Fast 90 Prozent der älteren Homosexuellen haben Angst vor Diskriminierung. Kaum einer von ihnen würde die Worte schwul oder lesbisch in den Mund nehmen.“

Wenigstens im Alter möchte er frei leben, sagt Oskar Hoffmann. „Es geht darum, die Identität zu akzeptieren, die aufgrund der sexuellen Orientierung entstanden ist“, betont „Village“-Vorstand Christian Hamm. „Ich glaube, dass ich im Village stärker vor Anfeindungen geschützt bin“, meint Oskar Hoffmann, „Denn die gibt es leider immer noch.“

Village e.V., Sprecher Bernd Kraft, Tel.: 030-39408852, Mail: info@village-ev.de

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