Energiesparhelfer : Ex-Arbeitslose helfen Hartz-IV-Familien beim Stromsparen

Jede Kilowattstunde zählt: Ehemalige Langzeitarbeitslose helfen Hartz-IV-Familien, ihre Stromkosten zu senken – und profitieren auch selbst davon.

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Kalt erwischt. Reinhard Woythe holt das Thermometer aus dem Kühlschrank.
Kalt erwischt. Reinhard Woythe holt das Thermometer aus dem Kühlschrank.

Energiesparhelfer Bernd Rieth ist leicht zu erkennen mit seinem knallroten Caritas-Stoffbeutel. Pünktlich auf die Minute klingeln er und sein Kollege Reinhard Woythe bei Familie Hussein. Fadel Hussein hat die Energiesparhelfer in seine Wohnung nach Gesundbrunnen bestellt, wo er mit Frau und Kind lebt. Von Hartz IV, das ist wichtig, wegen der Fördervoraussetzungen. So, wie auch der kräftige Rieth und der schmächtige Woythe von Hartz IV gelebt haben. Das ist ebenfalls wichtig, aber nicht nur fördertechnisch, sondern grundsätzlich. Bei Rieth und Woythe geht es eher um Menschenwürde und um die Frage, was der Sozialstaat leisten kann und sollte. Jener Sozialstaat, der beim Vizekanzler und den Seinen allergische Reaktionen auslöst. Aber jetzt öffnet Fadel Hussein die Tür und bittet in den rosa gestrichenen Flur seiner Dreizimmerwohnung.

„Das kostet wirklich nix, ja?“, fragt er zur Begrüßung. „Zahlt das Bundesumweltministerium“, erwidert Rieth. Das sagt Hussein zwar nichts, aber er erkennt am Tonfall, dass er unbesorgt sein kann. Hinter ihm steht seine verschleierte Frau und lächelt freundlich in die Männerrunde im Flur. Woythe guckt an die Decke, wo noch das Preisschild über 49,90 DM in der Lampe aus buntem Glas klebt, und notiert: „E 27, 60 Watt.“ Eine Standard-Glühlampe also. Mehr gibt es für ihn hier nicht zu entdecken. Als Stromsparhelfer interessiert ihn nur, wie die Monatsrechnung der Husseins von 57 Euro zustande kommt und wie sie sich senken lässt. Jede gesparte Kilowattstunde bessert sowohl die Klimabilanz der Bundesrepublik Deutschland als auch die Haushaltskasse der Familie Hussein auf.

So kommt das Umweltministerium zu den Husseins, deren Stromkosten übrigens nicht vom Amt übernommen werden. Deshalb haben sie bei der Caritas angerufen. Die Nummer gibt’s auf Flyern im Jobcenter und beim Quartiersmanagement. 40 Energiesparhelfer hat die Caritas in Berlin. Alles ehemalige Langzeitarbeitslose, die in einer dreiwöchigen Schulung von der Berliner Energie-Agentur (BEA) fachlich ausgebildet und auf Gespräche mit möglicherweise schwierigen Kunden vorbeitetet wurden.

Im Wohnzimmer der Husseins dominieren die lachsrosa Raufasertapete und eine golden gerahmte Koransure. „Es geht darum, dass der Mensch gut ist und so“, übersetzt Fadel Hussein. „Wenn man etwas vom Koran in der Wohnung hat, bleibt die Familie gesund.“ Woythe hat bereits die Deckenlampe notiert: drei Kerzen E 14 à 40 Watt. Jetzt knien er und Rieth vor dem Fernseher, hinter ihnen poltert Husseins Neffe im Bobbycar vorbei, gefolgt von einem Mädchen, das zu Besuch hier ist und aus seinen großen dunklen Augen die Gäste beäugt. Das eigene Söhnchen trägt der Vater auf dem Arm.

„Der Receiver ist auf Standby, alles andere ist aus“, sagt Woythe. „Gut, dass Sie die Geräte nicht nur mit der Fernbedienung ausschalten“, lobt er den Hausherrn. Auch der 55-Zentimeter-Röhrenfernseher ist kein großer Stromfresser im Vergleich zu den heute üblichen Riesenbildschirmen. Im Kinderzimmer läuft ein weiteres, kleineres Gerät, arabisches Kinderprogramm. „Wie lange ist der an?“, fragt Woythe. „Mal sechs Stunden, mal drei, mal gar nicht“, sagt Hussein. Woythe notiert, Rieth kramt aus seinem Stoffbeutel einen Messbecher. Das Bad ist dran. „Los!“, ruft Woythe. Rieth reißt den Wasserhahn auf und ruft „Stopp!“, als das Litermaß voll ist. Vier Sekunden. Macht 15 Liter pro Minute. Woythe schreibt einen Perlator für den Hahn und einen neuen Duschkopf auf seine Liste. Beides werden sie bei den Husseins anschrauben, wenn sie in zwei Wochen wiederkommen. Dann wird Rieth seinen Stoffbeutel mit Energiesparlampen als Ersatz für die alten Glühbirnen beladen haben und den Husseins genauere Tipps geben, wo sie noch sparen können. Vielleicht bringt er auch eine abschaltbare Steckerleiste mit, für den Standby-Receiver. Nach Auskunft der Caritas haben die Stromsparhelfer ein Budget von 70 Euro pro Wohnung. Damit sparen die Kunden durchschnittlich 122 Euro Strom- und 87 Euro Wasserkosten im Jahr.

Alles in allem sind Rieth und Woythe mit den Husseins zufrieden: Das Thermometer im Kühlschrank zeigt vernünftige sieben Grad, der Dichtungsgummi ist intakt, die Geschirrspülmaschine gut gefüllt und mit Eco-Funktion ausgestattet. Skepsis wecken nur der elektrische Lüfter im Schlafzimmer und die Auskunft der Hausfrau, dass sie manches mit 90 Grad wasche. „Probieren Sie mal 40 Grad für alles“, sagt Rieth. „Und wenn wirklich was nicht sauber wird, 60 Grad. Aber nicht mehr.“ Woythe protokolliert schon die nächsten Glühlampen.

Fadel Hussein bietet den Besuchern Kaffee an, aber die müssen weiter: „Wir haben einen straffen Zeitplan.“ Dieser Haushalt war überschaubar, und 57 Euro Stromrechnung sind auch nicht dramatisch. Das Messgerät, mit dem sie in anderen Haushalten die versteckten Stromfresser aufspüren, konnte im Stoffbeutel bleiben.

Durch die Frühlingssonne eilen die beiden zum nächsten Termin. Der Elektrotechniker und Diplomdesigner Bernd Rieth, 58 Jahre alt. Zehn davon hat er sich mit ABM durchgewurstelt, bis er den Job bei der Caritas bekam. Und der Eisenbahntechniker Reinhard Woythe, 56, der nach der Pleite der mit seiner Frau betriebenen Gaststätte als Selbstständiger gleich bis auf Hartz IV abgestürzt ist. Lange waren sie Kunden im Jobcenter, bis ihnen 2008 die Schulung zum Stromsparhelfer angeboten wurde. Die Finanzierung läuft teilweise über den Öffentlichen Beschäftigungssektor (ÖBS), ein Lieblingsprojekt der linken Sozialsenatorin. Für den allein lebenden Rieth bedeuten die 1300 Euro brutto im Monat ein spürbares Plus gegenüber Hartz IV. Woythe mit seinem Vier-Personen-Haushalt hat sich finanziell kaum verbessert. Aber moralisch. „Ich habe eine Arbeit, die Riesenspaß macht.“ Rieth sagt: „Das war wirklich ein Glücksgriff.“ Ihre größte Angst ist, dass das bis Ende 2010 befristete und nur mühsam finanzierte Projekt nicht verlängert wird. Mit schnellen Schritten steigen sie die Treppen hoch zum nächsten Termin.

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