Englische Fans in Berlin : Brüllen für die Löwen

Mehr als 10.000 Engländer leben in Berlin. Beim heutigen Spiel gegen Deutschland treffen sie sich in den Biergärten und Pubs der Hauptstadt.

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Bloß nicht den Krieg erwähnen. Bei Chris Fox feiern Deutsche und Briten.Foto: Steinert
Bloß nicht den Krieg erwähnen. Bei Chris Fox feiern Deutsche und Briten.Foto: SteinertFoto: uwe steinert

An diesem Sonntag werden sie wieder ausschwärmen, Biergärten und Pubs besetzen, mit ihren weiß-roten Flaggen Stellung vor den Leinwänden beziehen: Engländer. Etwa 10 000 von ihnen gibt es in Berlin. Die Dunkelziffer, wenn man so will, dürfte laut britischer Botschaft aber weit höher liegen. Zu Hunderten seien sie als Backpacker in den Hostels der Hauptstadt unterwegs. Auch Chris Fox kam vor elf Jahren als Rucksacktourist und blieb einfach da. Jetzt leitet der gebürtige Brite den Belushi’s Pub in Mitte. Beim Fußballspiel Deutschland gegen England wird dort heute vor allem für die „Three Lions“ gejubelt.

Zwar wird Kriegsrhetorik von Fans und Presse schnell bemüht, wenn die Deutschen bei einer WM auf England treffen. Doch Fox glaubt beim Achtelfinalspiel an friedliche Koexistenz in Berlin. „Die Engländer, die hier leben, sind nicht die typischen Fans. Sie haben deutsche Freunde, deutsche Familie.“ Im Belushi’s werden deswegen auch einige deutsche Fans erwartet. „Wenn Deutschland in Führung geht, sollte man vielleicht nicht anfangen über den Krieg zu reden“, empfiehlt Fox. Ansonsten aber werde die Stimmung super sein, egal wer gewinnt. Mit Platz für 500 Fußballverrückte ist das Belushi’s heute einer der größten Treffpunkte für englische Fans. Doch auch im Oscar Wilde Pub in der Friedrichstraße wird pünktlich zur 66. Minute „Rule Britannia“ angestimmt werden. Das Lied ist eigentlich der Schlussgesang einer Art englischen Oper und gilt heute als inoffizielle Hymne des Königreichs.

Es gibt also noch einige Fußball-Eigenarten der Insulaner zu entdecken. Viele Engländer in Berlin feiern aber schon erschreckend deutsch. Das beobachtet zumindest der britische Sportjournalist Jacob Sweetman, der für das englischsprachige Magazin „Ex Berliner“ auch über die WM bloggt. Seine englischen Leser belehrt das Magazin sogar, ein „classic Biergarten“ sei einfach nicht zu schlagen, wenn es um optimale „viewing pleasure“ gehe. Sweetman selbst wird das Spiel in einer urdeutschen Eckkneipe verfolgen. Sich somit quasi mitten in „Feindesland“ zu begeben, ängstigt ihn nicht. „Richtige Fußballfans sehen die sportliche Rivalität und das macht Spaß“, sagt er. Anfeindungen gebe es höchstens von den Schönwetterfans. Von Leuten, die nur alle vier Jahre ein Fußballspiel verfolgen – zur WM.

Bezüglich des Ausgangs des kleinen Finales zeigen sich die Berliner Engländer übrigens angenehm realistisch. „Mein Herz sagt 1:0 für England, mein Kopf setzt auf Deutschland“, meint etwa Chris Fox. Und auch Sweetman räumt schweren Herzens Deutschland die besseren Chancen ein. „Wenn die Engländer versuchen, Fußball zu spielen, verlieren sie. Sie werden sich durchkämpfen müssen.“

Spannend bleibt es wohl trotzdem. Auch wenn die englischen Fans das Spiel in Berlin überall nur mit deutschen Kommentaren verfolgen können. Wegen der Dauerbelästigung durch Vuvuzelas überträgt der Bezahlsender Sky die Spiele einmal mit und einmal ohne Tröten-Filter. Die englische Tonspur flog dafür raus. Ein Zeichen? Sidney Gennies

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