Berlin : Entscheidungsschlacht um die Schlossallee

Die deutsche Monopoly-Elite spielt derzeit in Berlin um den Meistertitel. Und manche nehmen das einstige Kinderspiel überraschend ernst

Lars von Törne

Der Herausforderer trägt Pokerface. Und er versteht es, seine Gegner in Sicherheit zu wiegen. Aber dann, in der 51. Minute, setzt Ralf Beckmann, der unscheinbar aussehende Versicherungsvertreter aus Buxtehude, unerwartet zum Siegeszug an. Der 36-Jährige ersteigert die Schlossallee und ein paar andere zentrale Felder, baut eine Handvoll Häuser drauf und bringt so an diesem Samstagnachmittag um 13.51 Uhr den bisherigen deutschen Monopoly-Meister in große Bedrängnis.

Der Titelverteidiger heißt Hans-Günther Meyer, ist tagsüber Lokaljournalist in Bielefeld, spielt abends leidenschaftlich Gesellschaftsspiele und ist seit 25 Jahren bei allen wichtigen Monopoly-Wettkämpfen dabei. Als gestern Nachmittag im Opernpalais Unter den Linden die vom Spielehersteller Parker ausgelobte zwölfte deutsche Monopoly-Meisterschaft eröffnet wurde, hatte sich Titelverteidiger Meyer mit einem siegesgewissen Gesichtsausdruck an den Spieltisch gesetzt.

Und in den ersten Runden sieht es tatsächlich so aus, als könnte er auch diesmal alle Gegner ausboten. Er kauft eine Straße nach der anderen, kassiert kräftig Miete bei seinen Mitspielern und baut als erster seine Häuser auf dem Spielfeld. Bis zur 51. Minute. Da verlässt den Meister – in Spielerkreisen ehrfürchtig HGM genannt – sein Glück. Erst schnappt ihm der Konkurrent die Schlossallee weg, und dann landet er ein paar Minuten später auch noch mit seiner Spielfigur auf der Luxusstraße und muss kräftig Miete zahlen.

„Das isch ein harter Schlag“, murmelt Spielbeobachter Moritz Werz und schüttelt nachdenklich den Kopf. Sportredakteur Werz, 39, ist Gründer des Stuttgarter Monopoly-Clubs, seit Kindertagen großer Fan des Brettspiels, und verfolgt als Auswechselspieler die Züge an den vier Spieltischen. Jede noch so kleine Veränderung auf dem Brett notiert er sich, um später mit seinen Vereinsfreunden den Verlauf analysieren zu können. „HGM auf Schlossallee – 1400 Euro!“, schreibt er um 14.03 Uhr auf seinen Block. „Das isch tödlich“, murmelt Werz und schüttelt schon wieder den Kopf. Und als sich dann nur wenige Minuten später der deutsche Meister im ersten Auswahlspiel wegen Bankrotts geschlagen geben muss, stöhnt Werz: „Das isch bitter.“

Nach 90 Spielminuten und diversen weiteren Bankrotten unter den insgesamt 16 Meisterschaftsspielern verkünden die Schiedsrichter das Aus der ersten Runde. Die endgültige Entscheidung, wer in den nächsten vier Jahren den deutschen Meistertitel tragen und die Bundesrepublik demnächst bei der Monopoly-Weltmeisterschaft in Japan vertreten darf, fällt allerdings erst heute. Um 13.30 Uhr beginnt im Opernpalais die Finalrunde. Da könnte Hans Günter Meyer noch mal alles rausreißen.

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