Berlin : Enzo Taubert (Geb. 1976)

Privat fährt er einen Mini, beruflich viel größere Autos.

Sebastian Ratt,e

Die Verabredung am Abend sagt er ab. „Irgendwie fühl’ ich mich schwach, lass uns ein andernmal was trinken gehen. Ich nehm’ eine Aspirin und leg mich hin.“

Enzo weiß, dass er sich gerade selbst überholt, zu viel arbeitet, zu wenig schläft. Aber er ist besessen von der Idee. Eine eigene Fernsehsendung. Er ist so nah dran. Für die Magenschmerzen und den wegsackenden Kreislauf hat er jetzt keine Zeit, gerade jetzt nicht.

Enzo, der eigentlich Enrico hieß, wuchs in einer guten, heilen Welt auf, ganz im Berliner Westen. „Spießer-Westend“ nannten er und sein bester Freund die Gegend. Sein Vater war sizilianischer Abstammung und hinterließ ihm mindestens zweierlei: Die Liebe zur Familie und die Begeisterung für Mafiafilme.

Mit sechs Jahren stand Enrico am Fenster und rief dem Freund unten auf der Straße zu: „Meine Eltern haben sich gerade getrennt!“ Ein paar Jahre später kam ein Stiefvater, Enrico fühlte sich fehl am Platz. Er zog früh aus.

Von da an gibt es viele Enricos. Enrico, den Partymacher, der in vielen der neuen, improvisierten Clubs im Osten freien Eintritt hat. Enrico, den Filmfreak, der noch als Erwachsener viel zu teure Star-Wars-Figuren im KaDeWe kauft und sie stolz seiner Freundin präsentiert. Enrico, den Autodidakten, der nächtelang Lexika liest, weil er glaubt, ein Bildungsdefizit zu haben. Enrico, den Bildungsbürger, der sein neu erworbenes Wissen über Shakespeare und die Schlacht im Teutoburger Wald an seinen Freunden ausprobiert.

Er hat nicht nur viele Freunde, sondern viele Freundeskreise. Mit jedem Job, jedem Projekt und Hobby gerät er in neue Ersatzfamilien. Er pflegt sie und er schützt sie, indem er sie einander nicht vorstellt. Für jede gibt es einen eigenen Enrico.

Er lebt schnell, und wenn er Lust hat, auch laut, ist groß und elegant. „Du bist so temperamentvoll wie ein italienischer Sportwagen“, sagte einer der Freunde und nennt ihn Enzo, wie Enzo Ferrari. Ein Name, der für alle Enricos passt.

Privat fährt Enzo einen grünen Mini, beruflich in letzter Zeit viel größere Autos. Da ist er Fahrer für Film- und Fernsehproduktionen, fährt Talkshowgäste nach der Sendung vom Kugel-Studio an der Gedächtniskirche ins Hotel oder, wenn sie wollen, gleich ganz nach Hause, auf Nachtfahrt einen Bischof nach Frankfurt , einen Schauspieler nach Hamburg. Enzo ist ein Profi, er sucht nicht unbedingt den Kontakt zu den Berühmtheiten, es scheint eher, als wollten die etwas von ihm. Seinen Charme, seinen Rat, seine gute Laune oder, auch das gab es mal, seinen Mini. Ein amerikanischer Regisseur hat ihm den abgekauft, um damit durch Berlin zu fahren.

Ein halbes Jahr lang chauffiert Enzo einen amerikanischen Schauspieler durch Berlin. Er muss Tag und Nacht bereitstehen und braucht starke Nerven. Denn der Schauspieler ist sehr berühmt, und sein Film, der eine sehr deutsche Geschichte erzählt, erregt großes Aufsehen. Immer wieder soll Enzo Fragen zu den Schrulligkeiten und Vorlieben seines Fahrgastes beantworten. Aber das gehört zu seinem Job: Er lächelt freundlich und schweigt.

2007 war gut, 2008 wird besser: Enzo ist überzeugt, dass seine Idee von der eigenen Fernsehserie funktionieren kann. Er hat Geld gespart, Unterstützer gefunden und genug Erfahrung im Filmgeschäft gesammelt. Furchtlos will er seine Entertainerqualitäten und sein Talent, Menschen im Gespräch zu öffnen, endlich zum Hauptberuf machen. Die Welt der Prominenten hat er im Griff. „Enzo fährt“ soll die Sendung heißen, sie würde seinen Job zum Konzept machen. Mit einem Schauspieler würde er einige Stunden im Auto durch Berlin fahren, ihn befragen und das Ganze mit drei Kameras filmen. Es gibt einen Produzenten, und eine Pilotsendung gibt es auch schon.

Es war viel Stress in den Wochen zuvor, und Enzo sagt die Verabredung ab. Drei Tage später findet man ihn, die Augen geschlossen, friedlich. Es war ein natürlicher Tod, Magen-Darm-Blutungen, aber weil er ja mal der Fahrer eines berühmten Scientologen war, berichtet die Boulevardpresse und spekuliert über die Todesursache. Enzo mit seiner Freude an überraschenden Geschichten hätte das wahrscheinlich gefallen. Sebastian Rattunde

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