Epilepsie : Kleine Schnittmenge

Wenn Medikamente nicht helfen, um eine Epilepsie zu lindern, können kranke Hirnteile auch operiert werden. Aber nur wenige Patienten sind dafür geeignet

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Kann man eine Epilepsie auch operieren?

Ja. Bei bestimmten Patienten ist es möglich, die von den Anfällen betroffenen Areale des Gehirns operativ zu entfernen. Danach erleiden die meisten Erkrankten keine Anfälle mehr.

Wer führt solche Operationen durch?

In Berlin und Brandenburg werden diese Eingriffe nur im Epilepsie-Zentrum am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge (KEH) durchgeführt – in Zusammenarbeit mit der Neurochirurgie der Charité. In den vergangenen zehn Jahren wurden hier rund 400 Epileptiker operiert, sagt der Medizinische Direktor des Epilepsie-Zentrums Heinz-Joachim Meencke. „Jedes Jahr kommen etwa 40 weitere hinzu.“ Von ihnen seien 75 bis 80 Prozent danach anfallsfrei, die Hälfte davon allerdings nur mithilfe von Medikamenten. „Da bei allen diesen Patienten eine Arzneitherapie alleine nicht wirkte, ist auch das ein großer Fortschritt“, sagt Meencke.

Welche Patienten kommen für einen solchen Eingriff in Frage?

Dafür müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Generell kann man nur die Patienten operieren, bei denen die Epilepsie-Areale des Gehirns genau eingegrenzt sind – Fachleute nennen diese Form fokale Epilepsie. Bei der anderen großen Gruppe der Betroffenen, bei denen die Anfälle im gesamten Gehirn entstehen – die sogenannte generalisierte Epilepsie – ist der Eingriff nicht möglich.

Laut den Behandlungsleitlinien dürfen auch nur die Erkrankten operiert werden, bei denen eine medikamentöse Therapie des Anfallsleidens nicht wirkt. „Die Behandlung mit Medikamenten bleibt bei Epileptikern das Mittel der ersten Wahl“, sagt Meencke. Denn eine Operation habe durchaus Risiken und Nebenwirkungen.

Was geschieht vor dem Eingriff?

Vor einer Operation sind tagelange Untersuchungen nötig. Zunächst muss das Gewebe, in dem die Anfälle stattfinden – Mediziner nennen das auch Epilepsie-Herde –, lokalisiert werden. Dazu wird das Gehirn mit einem Gehirnstrommessgerät (EEG) überwacht – und zwar mehrfach, um sicher zu gehen, dass die Anfälle tatsächlich immer an der gleichen Stelle entstehen. Nur dann kann operiert werden. Dabei werden Elektroden auf die Kopfhaut geklebt. Ergibt das kein klares Bild, müssen unter Umständen die Messfühler auch direkt auf der Gehirnoberfläche befestigt werden. Dazu wird der Schädel operativ geöffnet.

Zusätzlich wird das Gehirn mit einem Magnetresonanztomografen (MRT) untersucht. Dieses kann Veränderungen in der Hirnstruktur sichtbar machen, die durch die epileptischen Anfälle verursacht wurden – zum Beispiel Narben oder Fehlbildungen. „Diese Veränderungen müssen mit den durch das EEG entdeckten Anfallsherden übereinstimmen“, sagt Chefarzt Meencke.

Werden alle Patienten, die für den Eingriff prinzipiell infrage kommen, auch operiert?

Alle diese Voraussetzungen grenzen den Kreis der Patienten, die tatsächlich operiert werden können, weiter ein. Von den jährlich rund 120 Erkrankten, die an das Epilepsie-Zentrum am KEH überwiesen werden, um die Chancen einer Operation zu prüfen, wird nur ein Drittel operiert.

Was geschieht bei der Operation?

Das erkrankte Gewebe, in dem die Anfälle entstehen, wird herausgeschnitten. Das gilt beispielsweise für einen Teil des Schläfenlappens (auch Temporallappen genannt) des Gehirns. „Dieses Stück ist etwa so groß wie die Spitze eines hartgekochten Eis“, sagt Meencke. Oft werden die Eingriffe am Gehirn auch bei vollem Bewusstsein der Patienten durchgeführt, besonders dann, wenn die Epilepsie-Herde sich im Sprach- oder Bewegungszentrum befinden. „Nur so können wir Tests machen, ob durch den Eingriff möglicherweise die Sprach- oder Bewegungsfähigkeit beeinträchtigt wird“, sagt Meencke.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Wie jede Operation besteht auch bei Eingriffen am Gehirn die Möglichkeit unerwünschter Nebenwirkungen oder Komplikationen, etwa Wundinfektionen, Blutungen oder Heilungsstörungen. Zusätzlich können auch eingriffspezifische Komplikationen auftreten. So kann es zu Störungen des Gedächtnisses kommen, wenn der Schläfenlappen operiert wird. „Manchmal aber verbessert sich das Gedächtnis durch die Entfernung des kranken Gewebes sogar“, sagt Chefarzt Meencke. Andere mögliche Komplikationen sind Lähmungserscheinungen oder Sprachschwierigkeiten. Ingo Bach

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