Berlin : Er geht …

… und sucht einen Nachfolger

Wenn es für eine rot-rote Koalition im Bund reichen soll, muss die nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch im Westen getestet worden sein, bevor die dann übermächtige Linke in der SPD Klaus Wowereit ruft. Und das, sagen sie in der Berliner SPD sich selbst und andere beruhigend, wäre erst 2013 soweit. Außerdem ist Wowereit nicht mal Vize-Parteichef, bei aller angeblichen bundesweiten Beliebtheit. Und schließlich ist da noch die Festlegung auf Kurt Beck, der zur Zeit als Politpunchingball jeden Streit und jeden Frust aufnimmt. Wenn Beck am Ende ist (vielleicht nach weiteren Aufregungen um Hessens Andrea Ypsilanti), steht Frank-Walter Steinmeier bereit – wie hieß er so schön: Schröders „Mach mal“, um gegen Angela Merkel anzutreten.

Was aber, wenn die Wähler 2009 noch mal so abstimmen würden, dass eine große Koalition herauskommt? Die amtierende weiß schon kaum noch wohin mit sich vor Streitlust und Überdruss am Partner. Spätestens 2011 wäre das schwarz- rote Nachfolgeprojekt wohl ein politischer Totalschaden, zerschellt an Atomkraftwerken, Kranken- und Sozialversicherungsreformen, vermutlich wieder steigender Arbeitslosigkeit und dem Streit über Reformen des Arbeitsmarkts und der Arbeitnehmerrechte.

Wowereit, der stille Stratege, muss also jetzt mit dem Aufbau eines Nachfolges beginnen, wenn er es gut meint mit seiner politischen Heimat in Berlin, seiner Berliner SPD.

Der Etablierte: Michael Müller

Der Eindruck der Bundes-SPD täuscht – eigentlich ist die deutsche Sozialdemokratie eine sehr geordnete Partei – und die Berliner SPD, jahrelang ein verwirrter und zerstrittener Verein – derzeit ein leuchtendes Beispiel dieser traditionsbewussten Wohlgeordnetheit. Streit wird selten nach außen getragen, Zuständigkeiten werden eingehalten. Michael Müller, Landes- und Parteichef, personifiziert dies alles – und er führt die Partei so, dass es niemanden gibt, der das Bedürfnis hat, hinter seinem Rücken schlecht über ihn zu reden.

Allein das ist eine Leistung. Rot-Rot ist schließlich ein politisches Projekt, das Konkurrenzgefühle schüren könnte – und in der Bundespolitik fragen sich viele, wer da wem die Vorgaben macht. In Berlin aber ist klar, wer der Chef ist, Müller nämlich. Kein Wunder, dass es in der Berliner SPD auf die Frage nach der Wowereit-Nachfolge heißt: Müller hat das Recht des ersten Zugriffs. Muss er dafür nicht Senatserfahrung haben? Hatte Wowereit auch nicht, bevor er Regierender wurde. Muss einer dafür nicht Charisma haben? Hatte Eberhard Diepgen auch nicht. Beliebt war er trotzdem.

Was aber, wenn Wowereit mit Müller andere Pläne hat und der Vertraute nach dem Modell Schröder/Steinmeier ebenfalls im Bund gebraucht würde? Fantasieren wir ein bisschen, frei nach Wowereits Motto, dass gute Personalentscheidungen auch immer ein wenig überraschen sollen.

Der Import: Harald Christ

Es sind Leute nach Berlin gezogen, die man so in der SPD hier noch nicht hatte. Harald Christ zum Beispiel, ein Mann Mitte dreißig, Sozialdemokrat – und Banker. Der geneigte Zeitungsleser kennt ihn weniger als Klatschspaltennachbar von Udo Walz denn aus dem Wirtschaftsteil. Christ, der einige Millionen Euro auf den Konten haben soll, ist Bevollmächtigter der Weberbank und berät unter anderem Privatkunden mit großen Vermögen. In Hamburg hat er politische Erfahrungen als Schatzmeister der SPD gesammelt. In der Berliner SPD hat sein Name einen gewissen Klang – Christ wolle wohl was werden, heißt es. Ein Banker im Senat oder gar als Spitzenkandidat der Post-Wowereit-SPD? In Hamburg hatten die Sozialdemokraten zuletzt einen Zeitungsherausgeber und Kulturmenschen als Spitzenmann.

Der Charmante: André Schmitz

Da kommt einem André Schmitz fast von allein in den Sinn. Er gehört in die nächste Generation nach Klaus Wowereit. Er kennt die Stadt, er macht nach allem, was man hört, gute Kulturpolitik – und niemand sollte seine Wirkung unterschätzen. Mag sein, dass der stets sehr korrekt-elegant gekleidete Herr mit dem jungen Gesicht ein wenig gestreng erscheint – das täuscht. Oder vielleicht auch nicht – wenn man statt „gestreng“ das Wörtchen „preußisch“ einsetzt. Das ist hierzulande im Grunde ein Kompliment. Schmitz hat jedenfalls Humor, er ist überaus ironiefähig und hat Kultur in mehr als einem Sinn. Man muss nicht mit der Bedeutung der Museumsinsel für Berlin argumentiereen, um zu begründen, warum es für einen Berliner Politiker gut ist, kulturvoll zu sein. Kultur zu haben bedeutet auch, mit den Präsidenten der Universitäten nicht nur über Geld zu sprechen; es würde bedeuten, dass Berlin etwas anderes vermittelt als partyfreudige Hartz-IV-Metropole zu sein.

André Schmitz, der auf vielen politischen Aktionsfeldern unterwegs ist, von der Oper bis zur Stiftung „Junges Europa“, könnte das geprüfte Berliner Bürgertum erreichen – Leute, die Geld verdienen, die Linkspartei mit Misstrauen betrachten und kontrolliert sehen wollen – und an der Berliner CDU still verzweifeln.

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