• Er verkaufte am Schalter gefälschte Monatsmarken - Imageschaden für die Verkehrsbetriebe

Berlin : Er verkaufte am Schalter gefälschte Monatsmarken - Imageschaden für die Verkehrsbetriebe

kf

Mit ihren Monatsmarken in der Tasche hatten sie den BVG-Kontrolleuren seelenruhig entgegen gesehen. Doch nur Sekunden später fanden sich die BVG-Kunden auf dem Bahnsteig wieder: als Schwarzfahrer mit einem Ermittlungsverfahren am Hals. Den ausländischen Fahrgästen erging es noch ein wenig schlechter. Weil die Polizisten sie als Fälscher verdächtigten, wurden sie mit Handschellen zur nächsten Polizeistelle gebracht und anschließend ihre Wohnungen durchsucht. "Da ist man wohl etwas über das Ziel hinaus geschossen", sagte die Richterin im Moabiter Amtsgericht.

Dass die unbescholtenen Fahrgäste in den Ruch des Verbrechens gerieten, ist Ingo F. zu verdanken. Der frühere BVG-Mitarbeiter hatte in seinem Schalterhäuschen am Rathaus Steglitz gefälschte Monatsmarken verkauft, das Stück für 93 Mark. Gestern verurteilte ihn das Landgericht deshalb zu acht Monaten Haft mit Bewährung. Die Richterin hatte aufgrund zahlreicher Indizien "keinen Zweifel", dass der heutige Vorruheständler im Herbst 1997 falsche Tickets im Gesamtwert von rund 1000 Mark verkauft hat. Ingo F. blieb bis zum Schluss bei seiner Version: "Ich bin unschuldig."

Nach der Ansicht des Gerichts erlag der BVG-Mann den Lockungen des schnellen Geldes in einer Kneipe im Forum Steglitz. Zu seinem Stammtisch gehörte nämlich auch der Ex-Bordellchef Wolfgang Otto Schwanz, der den Fahrkartenverkäufer mit der illegalen Ware versorgt haben soll. Schwanz, einst in den Korruptionsskandal um den ehemaligen Baustadtrat Wolfgang Antes verwickelt, war im Juli 1998 wegen Wertzeichenfälschung zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Schwanz einem Druckereibesitzer mehrere hundert BVG-Monatsmarken für 7,50 Mark pro Stück abnahm. Aus dieser Serie stammten auch die Marken, die Ingo F. verkaufte.

Die vermeintlichen Schwarzfahrer konnten argumentieren wie sie wollten: Ihre Version vom regulären Kauf am BVG-Schalter wurde von den Kontrolleuren nur müde belächelt. Einige der zu Unrecht Verdächtigten zahlten deshalb gleich die Strafe, andere wehrten sich. Alle "Schwarzfahrer" mussten sich nach den Worten der Richterin allerdings eine neue Karte kaufen, weil die BVG "ihr Verschulden nicht anerkannte". Erst als sich die Version der Fahrgäste innerhalb weniger Tage ständig wiederholte, kamen die Ermittler auf die Spur von Ingo F.

Die verdächtigten BVG-Kunden haben aus dem Vorfall ihre Lehre daraus gezogen. "Ich kaufe meine Monatsmarke jetzt nur noch im Automaten", hatten fast alle Zeugen vor dem Gericht erklärt. Die Aussagen dürfte sich auch auf das Strafmaß von Ingo F. ausgewirkt haben. "Die BVG hat durch Ihre Tat einen enormen Image-Verlust erlitten", warf die Richterin dem grauhaarigen Angeklagten vor.

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