Berlin : Er war ein Berliner

Robert Lochner ist tot. Der Amerikaner half John F. Kennedy bei seinem berühmten Satz

Andreas Austilat

Im Grunde muss es ja ein bisschen lästig sein, ständig auf diesen einen Satz angesprochen zu werden, vor allem, wenn man wie Robert Lochner noch andere große Sätze gesprochen hat. Aber dieser eine war einfach zu gut, und deshalb wollten die Leute die Geschichte immer wieder hören. Also sei’s drum, hier noch mal: Bob Lochner hat seinem Präsidenten John F. Kennedy Deutsch beigebracht. Nur einen Satz, aber der hatte es in sich. „Ich bin ein Berliner“, schrieb Lochner hastig auf einen Zettel. Die beiden übten noch rasch die Aussprache und dann ging Kennedy raus auf den Balkon des Schöneberger Rathauses, seine Rede zu halten, den Jubel entgegenzunehmen, hunderttausendfach.

Lochner sprach gern über diesen Tag im Juni 1963, weil er wusste, dass es ein historischer Moment war, und weil er Kennedy bewunderte. Wie gesagt, Lochner, amerikanischer Dolmetscher, Leiter der Europaabteilung des Radiosenders Voice of America und schließlich Direktor des Rias, des Rundfunks im amerikanischen Sektor Berlins, hat andere historische Momente erlebt. Ganz große, wie jenen 18. Juni 1948, als er sicher sein konnte, dass ihm das halbe Land zuhört: „Die Deutsche Mark hat 100 Pfennige“, sagte er da im Radio. Und dann erklärte er seinen Zuhörern, wie das mit der D-Mark künftig funktionieren würde. Er hat andere historische Personen erlebt. Zum Beispiel mit 18 Jahren, als er schräg hinter Adolf Hitler stand und dessen Wutausbruch über Jesse Owens 100-Meter-Sieg bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin verfolgte. Wenn Lochner das erzählte, dann konnte es passieren, dass Menschen, die ihn nicht kannten, innehielten und sich fragten, ob dieser kleine Mann mit dem fast britisch anmutenden Humor vielleicht so eine Art Forrest Gump sei. Denn das gibt es doch eigentlich gar nicht, dass da jemand steht und über Hitler, Kennedy und die Währungsreform plaudert. Und nicht nur das, er war auch noch immer dabei. Lochner aber konnte dann locker noch ein paar Geschichten nachlegen, die von Präsident Johnsons großem Satz zum Beispiel. Der sagte bei seinem Berlin-Besuch 1963 „Was ist das für ein Auto?“, als man ihn in eine geschlossene Limousine verfrachten wollte. Johnson hatte auf einem Cabrio bestanden, er wollte doch winken während der Fahrt. Nun musste sich der arme US-Botschafter Dowling hinten auf den Boden legen und die Füße des Präsidenten umklammern, damit der sich ein bisschen weiter aus dem Fenster lehnen konnte. Das war Lochner ziemlich peinlich, fast so peinlich wie die Bitte des Präsidenten, ihn zur Königlichen Porzellan Manufaktur zu fahren, er wolle noch Souvenirs besorgen. Willy Brandt bedauerte, die KPM habe sonntags geschlossen. „Was sind Sie für ein Bürgermeister, wenn Sie nicht einmal einen Porzellanladen aufschließen können“, soll Johnson geantwortet haben.

Nein, von Johnson hielt Lochner nicht viel. Von George W. Bush übrigens auch nicht, wie er mal im Interview verriet – er schätzte dessen Bildung nicht besonders hoch ein. Aber von Kennedy. Und dessen Satz, „Ich bin ein Berliner“, der traf ja auch ein bisschen auf Lochner zu. 1924, mit sechs Jahren, kam der geborene New Yorker nach Berlin, mit seinem Vater, dem AP-Korrespondenten und Pulitzer-Preisträger Louis Lochner. In Charlottenburg ging er auf die Waldschule, machte dort Abitur. Deutschland verließ er rechtzeitig, anders als sein Vater, der als feindlicher Ausländer interniert wurde. Aber er kam zurück, als Dolmetscher für Lucius D. Clay, den amerikanischen Militärgouverneur und Organisator der Berliner Luftbrücke. „Je älter ich werde, desto höher steigt mein Wert“, hat Lochner an seinem 80. Geburtstag gesagt, „denn in meinem Jahrgang werden die Zeitzeugen nun einmal seltener“. Das war vor fünf Jahren.

Jetzt erlag Bob Lochner einer Lungenembolie. Er sei nicht akut krank gewesen und habe sich leise verabschiedet, sagt seine Tochter Anita. „Preußisch weitergemacht“ habe er, obwohl ihm vieles in den letzten Wochen schwerer gefallen sei. Robert Lochner starb am Sonntagmorgen gegen zwei Uhr in seiner Berliner Wohnung, seine Familie war bei ihm.

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