Berlin : Erfinder der Clip-Card: Das zweite Leben der Mauer

Thomas Loy

Zweites Frühstück auf dem Bau, im engen Container auf dem wüstenhaften Gelände einer Baustoffrecycling-Firma, zwischen Kühlschrank und Spüle. Pawlowskis Geschäftspartner genießen schweigend. Frühstück auf dem Bau ist heilig. Vor 28 Jahren wurde Volker Pawloswki Bauarbeiter, vor zehn Jahren Geschäftsmann. Das zweite Frühstück ist geblieben, wegen der "Tradition" und der richtigen "Wellenlänge" zu den Geschäftspartnern aus der Recyclingbranche. Die haben "leidenschaftslos" 85 Prozent der Berliner Mauer zerschreddert und als anonyme Bröselmasse in bundesdeutschen Betonmischmaschinen verklappt. Wäre Pawlowski nicht eines Tages aufgekreuzt, hätten sie 90 Prozent geschafft.

Hier draußen darf Pawlowski wieder Mensch und Bauarbeiter sein. Er beginnt von seinem "Lieblingskind" zu schwärmen, der Clip-Postkarte. Eine Postkarte mit eingesetzter Plastikkapsel, in der sich Original-Sand von der Ostsee, Original-Kohle aus dem Tagebau Jänschwalde, Original-Kaffeebohnen aus Nicaragua oder Original Berliner Mauersteinchen verschicken lassen. Vor sechs Jahren erfand Pawlowski die Postkarte, die sein Leben veränderte und seinen Wohlstand mehrte. 8000 Mark kostete die inzwischen als "Gebrauchsmuster" patentierte Entwicklung. Ein Klacks. Heute ist die "Clip-Card" aus dem Souvenirhandel nicht mehr wegzudenken. In Hunderttausender-Auflage vertreibt Pawlowski seine Erfindung in alle Welt. Verlage überschlagen sich mit immer neuen Clip-Ideen: Gummiteddys, Glückspfennige oder Kondome an einer Klapperstorch-Postkarte.

Bereits ein Klassiker ist die leere Kapsel, gefüllt mit Original Berliner Luft. Das Befüllen der Kapsel, das "Konfektionieren", ist Handarbeit. Pawlowskis Mutter macht das, oder Bekannte, auf 630-Mark-Basis in Heimarbeit. In den USA wurde die Kapsel bereits in einer Publikation der simpelsten, aber massenwirksamsten Erfindungen erwähnt. Ein ehemaliger Kompagnion von Pawlowski vertreibt die Clip-Postkarte auf Mallorca mit Sand vom Ballermann-Strand. Eine österreichische Werbeagentur lässt zurzeit 100 000 Karten, auf denen sommerlich deprimierte Kühe und Snowboardfahrer auf einer Alm herumstehen, mit Kunstschnee füllen. Bald sollen kleine Ferraris und Trabis in der Postkarten-Serie "Traumautos" in die Briefkästen kommen. Die Einsatzmöglichkeiten sind grenzenlos.

Christos Stofffetzen verkauft

Pawlowskis Startup-Karriere begann mit einem Bandscheibenschaden - richtig getimt zum Fall der Mauer. Nach 18 Jahren als Trockenbauer wurde er professioneller Mauerspecht und verkaufte seine Beute am Brandenburger Tor. Das hatte wenig mit politischer Symbolik oder historischer Aufarbeitung, aber viel mit Geldverdienen zu tun. Pawlowski ist Familienvater, ein vorsichtiger Mensch, dem Bankkredite schlaflose Nächte bereiten. Dass er eine Firma leitet, notfalls persönlich für alles geradestehen muss, verkraftet er nur, solange die geringe Fallhöhe jederzeitiges Abspringen erlaubt. Gleichzeitig kokettiert er mit den Momenten ökonomischer Dreistigkeit, die seinen Erfolg begründeten. Zum Beispiel, als Christo im Juni 1995 den Reichstag verhüllte und zwei Wochen später den Stoff verschenkte. Pawlowski witterte wieder ein Geschäft, ließ ganze Schulklassen ausschwärmen, kaufte ihnen die Original-Wrapped-Reichstag-Textilien ab und stopfte sie in seine Clip-Postkarten.

Pawlowski schwärmt noch heute von der Athmosphäre dieser Tage. Alles war fröhlich, entspannt, weil der tonnenschwere Geschichtspalast plötzlich zu einem glänzenden Vogel geworden war. Und nur wegen der Verpackung! Damals lernte Pawlowski Renald Eckert kennen, der bereits seit Jahren die Berliner Mauer für die Bundeswehr zerschredderte. Er konnte gar nicht fassen, welche Schätze auf Eckerts Firmengelände beiläufig vernichtet oder als schnöde Haldenbegrenzung eingesetzt wurden und beendete mit einem Federstrich die weitere Mauerfledderei. Eckert und sein Partner wurden am Gewinn beteiligt, dafür erhielt Pawlowski das alleinige Verwertungsrecht des Restbestands. Einige hundert Segmente hat er seitdem zu Souvenirs verarbeitet - auf 200 schätzt er seinen Vorrat. Dass er eines Tages das letzte Mauersteinchen verkaufen wird, glaubt er indes nicht. Das Geschäft expandiere zwar stetig, aber ebenso expansiv seien die Angebote an Mauer-Segmenten, die seit Jahren in irgendwelchen Schuppen lagern und keinen Käufer fänden. Nach der Euphorie der ersten Jahre gingen die Preise für arglos beschmierte oder gar unbemalte Mauerteile in den Keller.

Noch reichlich Mauer da

Pawlowski verkauft den Antifa-Wall als billige Massenware, was ihm viele Mauerspechte übel nehmen. Die Postkarten mit Brandenburger Tor und Mauerstein-Kapsel kosten bei ihm unter zwei Mark. Der 43-Jährige liefert inzwischen an alle größeren Shops der Stadt, an die Berlin-Tourismus-Marketing GmbH und das Haus am Checkpoint Charlie. Dort werden nach internen Angaben Mauerstückchen für rund 100 000 Mark im Jahr verkauft. Solche Umsatzzahlen nähren Zweifel, ob der Mauerbeton denn auch wirklich von der Mauer stammt. Pawlowski führt skeptische Kunden auf Wunsch persönlich zur Endlagerstätte in Ladeburg und zeigt auch, wie die Segmente weltmarktgerecht aufbereitet werden. Mauersteinchen verkaufen sich nur, wenn sie eine glatte bunte Oberfläche haben. Das kommt von den Fernsehbildern. In Großbritannien und den USA hat man kaum Verständnis dafür, dass es auch eine Hinterlandmauer gab und die Sprayer nicht jeden Mauerwinkel um West-Berlin ihrer Arbeit für würdig erachteten. Pawlowskis Arbeiter greifen deshalb selbst zur Sprühflasche und malen schwungvolle Linien über den kahlen Beton, bevor der Bosch-Hammer zum Einsatz kommt. Zwecks besserer Ausbeute wird auch der Mauer-Fuß, der früher unter der Erde lag, koloriert. Wenn man ihm nachträgliche Verfälschung vorwerfe, müsse man konsequenterweise auch die East-Side-Gallery abreißen, argumentiert Pawlowski.

40 Segmente lässt der Geschäftsmann in diesen Tagen in Ladeburg zerlegen - das reicht für etwa ein Jahr. Der Job ist hart. Ein Arbeiter lässt kettenrauchend den Elektromeißel unter die Armierungen gleiten. Dabei springt die obere Schicht ab. Das Innere der Mauer ist Abfall. Für ein Segment - etwa zwei Tonnen schwer - braucht ein Mann einen Tag. In Obstkisten fährt Pawlowski das Material in ein Zwischenlager, eine gemietete Garage. Die weitere Verarbeitung erfolgt im Keller seines Mehrfamilienhauses in Heiligensee. Der Raum ist bis unter die Decke mit Postkarten und Verpackungsmaterial bestückt. Per Hand werden die Stückchen nach Größen geordnet. Die kleinen Teilchen für die Postkarten-Clips, die größeren für die Plastiksäckchen mit numeriertem Echtheits-Zertifikat. Den Ausschuss vermarktet Pawlowski seit kurzem in kleinen Mauer-Säckchen, das Stück für 10 Mark - "läuft auch sehr gut". Faustgroße Mauer-Reliquien klebt der Mauer-Meister persönlich in Acrylglasbögen ein. Für das Flammen, Biegen und Prägen der Acrylscheiben hat er sich eine eigene Produktionsstraße gezimmert. Das senkt die Kosten. Das neueste Produkt: Lesezeichen mit Mauersplitter-Clip. Schon seit einiger Zeit erfolgreich im Programm: Steinchen vom Kölner Dom und der Dresdner Frauenkirche. Bei der Sanierung des Brandenburger Tores hofft Pawlowski ebenfalls ins Geschäft zu kommen. "Mal sehen, wieviel Schutt da anfällt."

Der Ex-Bauarbeiter möchte am liebsten alles selber machen. Die Welt der coolen Business-Männer, die fremde Millionen hin und her schieben, ist ihm fremd geblieben. Vor drei Jahren war er zum ersten Mal auf der großen Werbeartikelmesse in Frankfurt am Main. Fassungslos belächelte die Konkurrenz den kleinen Stand aus Tapeziertisch und Rollrasen. Pawlowski wurde mit Joint-venture-Angeboten und Werbekauderwelsch überschüttet, verstand kaum ein Wort und beschloss, klein und unabhängig zu bleiben. Sollte die Souvenirbranche von heute auf morgen zusammen brechen, müsste Pawlowski nur zwei Angestellte entlassen und seinen Keller aufräumen. Dennoch hat er eingesehen, dass es so nicht weitergeht. Die Firma braucht eine vorzeigbare Adresse. Ein Gewerbegrundstück mit Produktions- und Lagerhalle soll angeschafft werden. Das florierende Geschäft zwingt ihn zu weitreichenden Entscheidungen. Manchmal bekommt Pawlowski regelrecht Panikattacken, wenn er sieht, wie ihm die Ware aus den Händen gerissen wird. Seit einem halben Jahr fährt er einen silbergrauen Crysler-Cruiser. Das Auto hat etwas vom Pomp der 50er Jahre und zieht die Blicke auf sich. In Las Vegas stand es in einem Hotel herum, und Pawlowski wusste sofort: Der ist es. Drinnen ist es gemütlich wie in einem Clubzimmer. Das Auto weist Pawlowski als Aufsteiger aus. Nach dem Rundgang über das Recyclinggelände klopft er sich den feinen Staub aus den Klamotten. Der hatte ihn früher auf dem Bau schon immer gestört.

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