Berlin : Erfolgreich auf dem Holzweg Zwei Tischler vereinen Handwerk und Hightech

Gut Holz. Holger Meyer in der neuen Tischlerei am Columbiadamm. Foto: Mike Wolff
Gut Holz. Holger Meyer in der neuen Tischlerei am Columbiadamm. Foto: Mike Wolff

Für eine normale Tischlerei wäre „Artis Engineering“ ein zu großer Name. Aber zu einer, in der ein Roboter gerade das Opernhaus von Sydney gesägt hat, passt er gut. „Wir sind Problemlöser im dreidimensionalen Bereich“, erklärt Geschäftsführer Holger Meyer bei einem Rundgang durch den Firmensitz. Kunden sind Architekten und Designer, die beispielsweise aufwendige Messestände und Ladeneinrichtungen planen. So aufwendig, dass rund die Hälfte der 30 Beschäftigten bei Artis am Computer arbeitet.

Der Blick aus dem Büro schweift durch die Werkhalle zum Tempelhofer Flughafengebäude. Auf der anderen Seite breitet sich der mit Spielplätzen bestückte Hof eines halbfertigen Baugruppen-Ensembles aus. Es besiedelt das einst etwas verrumpelte Karree hinter den Columbiahallen. Die Tischlerei ist Teil einer Lärmschutzwand, die die neuen Anwohner von den Clubs abschirmen soll. Im Februar 2012 bezogen Meyer und Deiß das L-förmige Gebäude, das Architekten aus ihrer früheren Nachbarschaft an der Schlesischen Straße für sie entwarfen. Ein geweißter Eingangsbereich schließt an die mit Zedernholzschindeln verkleidete Werkstatthalle an. Die Wände sind mit Zellulose statt mit Mineralwolle gedämmt, die Oberlichter nicht aus Acryl, sondern Glas. Ein Teil des Gebäudes ist unterkellert, damit die Holzreste übers Jahr gebunkert und im Winter für die Fußbodenheizung verwendet werden können.

Alles sehr öko, einerseits. Aber Meyer und Deiß sind keine Ökos. Deiß sagt den entscheidenden Satz eher nebenbei: „Wenn man es einmal macht, dann richtig.“ Holzschindeln brauchen zur Herstellung viel weniger Energie als Aluminiumverkleidungen und halten viele Jahrzehnte. Glas isoliert besser als Acryl und wird vom Sonnenlicht nicht blind. Zellulose schafft angenehmes Raumklima, und die Holzreste sind im eigenen Heizungskeller besser angelegt als im Abfallcontainer, den Alba für teures Geld entsorgt.

Wenn die Firmenchefs reden, klingt das wie ein Vortrag über die eigentliche Bedeutung des ausgeleierten Begriffs „Nachhaltigkeit“. Meyer und Deiß können nicht beziffern, wie viel teurer der neue Firmensitz durch ihr Prinzip des „wenn, dann richtig“ geworden ist. Sie wissen aber, dass sie nach der Eröffnung im kalten Februar 2012 die Heizung wie gewohnt auf 21 Grad gedreht haben und daraufhin anfingen zu schwitzen: 17 Grad plus die Wärme von Menschen und Maschinen reichen, um sich auch im Winter wohlzufühlen. Um 50 Prozent wollten sie den Standard der Energieeinsparverordnung 2009 unterbieten, tatsächlich wurden es 87 Prozent. Die Holzheizung ist ohnehin fast CO2-neutral, und seit die Solaranlage auf dem Dach fertig ist, produziert das Haus mehr Energie, als es verbraucht. Von der IHK gab es dafür die Auszeichnung „Klimaschutzpartner 2011“. Und die Firmenchefs haben kürzlich ihre Nachbarn mit dem Angebot verblüfft, deren Gebäude mitzuheizen.

Artis Engineering, Columbiadamm 23, Führungen ab 13 Uhr, Anmeldung notwendig unter www.berlin-spart-energie.de

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