Berlin : Erst Vorfreude, dann Klagen

Der türkische Ministerpräsident war da – und hatte kaum Zeit für seine Berliner Landsleute. Das gefiel denen gar nicht

Suzan Gülfirat

GAZETELER RÜCKBLICK

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

„Der Ministerpräsident kommt“, schrieben die türkischen Zeitungen am Dienstag auf ihren Titelseiten. Ab Anfang der Woche gab es für sie beinahe nur noch ein Thema: der eintägige Besuch des Recep Tayyip Erdogan. Er kam, weil er auf dem „Internationalen Forum“ der Bertelsmann-Stiftung am Freitag für einen EU-Beitritt seines Landes werben wollte. Zuvor traf er sich aber in einem Haus am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg mit Diplomaten, türkischen und deutschen Politikern und Unternehmern. Die Erwartungen waren groß. Die türkischen Blätter widmeten dem Thema, anders als die deutschen Zeitungen, schon während der gesamten Woche Seiten mit Vorberichten, Reportagen und Analysen.

„Die Stadt ist in heller Aufregung. Am Freitag wird er mit Türken frühstücken und sich am gleichen Tag mit Bundeskanzler Schröder treffen“, berichtete Milliyet. Am Mittwoch zitierte die Zeitung in ihrem Aufmacher auf der ersten Seite ihrer Europa-Beilage türkische Händler aus Kreuzberg: „Herr Ministerpräsident, wir warten auf Sie.“ Und waren die Details auch noch so klein, sie entgingen den Zeitungen nicht. Von der „griechischen Krise“ berichtete am Freitag nur Milliyet. Weil der Botschafter von Zypern auf der Gästeliste der Europäischen Akademie stand, sei auf der „türkischen Seite“ eine Krise entstanden. Erst als er abgesagt habe, sei sie behoben worden. Wer genau diese „türkischen Kreise“ sind und warum der Botschafter abgesagt hat, stand in dem kurzen Text in der Europa-Beilage nicht.

Nach dem Besuch waren viele enttäuscht. „Kein einziges Wort konnten wir mit ihm reden“, zitierte sie die Hürriyet auf der Titelseite der Sonnabend-Ausgabe. „Der Ministerpräsident hat die Türken vergessen“, hieß es auf der Titelseite der Milliyet. „Nach welchen Kriterien hat die Tüsiad (Verband Türkischer Unternehmer) diese Räume ausgesucht? Wo höchstens 40 Personen reinpassen, hielten sich an die 200 Menschen auf“, schimpften die türkischen Gäste. Allerdings zeigten die Zeitungen auch Bilder, auf denen der Ministerpräsident vor dem Haus in Kreuzberg türkische Hände schüttelt.

Die Äußerungen von Außenminister Fischer auf dem Bertelsmann-Forum machten dann den Ärger wieder wett. Die EU habe der Türkei schon vor 40 Jahren die Mitgliedschaft zugesagt. Wenn dieses Versprechen nicht eingelöst werde, würden wir einen sehr hohen Preis dafür zu zahlen haben, sagte er. Seine Worte wurden am Sonnabend zu Überschriften auf den Titelseiten. Türkische und deutsche Zeitungen schrieben, die Berliner Türken hätten von dem Erdogan-Besuch nichts gewusst. An den Berichten der türkischen Zeitungen kann das nicht gelegen haben.

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