Erziehung : Mutter sein – aber nur zur Probe

Das Projekt „Babyboom - ein Baby auf Probe“ lehrt Mädchen, ein Kind zu umsorgen. Geübt wird an einem programmierbaren Babysimulator.

Jürgen Wutschke[ddp]
Projekt Babyboom
Schülerinnen mit ihrem Computerbaby. -Foto: ddp

Das täuschend echt aussehende Baby schreit. Laut und durchdringend. Die 16-jährige Undina erkennt sofort, dass wohl die Windel voll ist. Routiniert greift ihre Freundin Anika in die kleine Tasche und zieht eine frische Windel heraus. Das Baby liegt auf dem Rücken und schreit noch immer. Beide Mädchen arbeiten zügig. Doch dann stockt Anika und schaut zur Projektleiterin. „Das ist doch die falsche Windel“, sagt die Zehntklässlerin. Sie reicht Anika ein anderes Modell. Das Mädchen verbindet die Klettverschlüsse. Das Baby gluckst zufrieden.

Die Mädchen nehmen an dem Projekt „Babyboom – ein Baby auf Probe“ teil. Dabei müssen sie sich mit einem programmierbaren Babysimulator auseinandersetzen, wie Bärbel Schock, Projektleiterin des Familientreffs Marzahn-Nord, erläutert. Das lebensechte Baby wimmert und weint, braucht Zuwendung und ein Fläschchen, genau wie ein richtiger Säugling. „Es war ganz schön anstrengend, immer das Richtige mit dem Kind zu machen“, erzählt Teilnehmerin Jessica. „Ich musste schon zurückstecken und konnte mich nicht so wie sonst mit Freunden treffen“, erinnert sich Undina.

Die Marzahner Einrichtung verfügt über 18 Computerbabys. An den Projekten nehmen Schüler aus ganz Berlin teil. Diese müssen dann für mindestens zwei Tage das Baby umsorgen. „Und vor allem auch nachts“, sagt Schock. In dem Projekt, von dem es bundesweit 300 ähnliche gibt, gehe es nicht um Abschreckung vor Elternschaft, erläutert Schock. Vielmehr sollten die Schüler lebensnah erleben, welche Anforderungen die Versorgung eines Säuglings an sie stellen würde.

Zu dem Projekt gehört auch, dass die Elternphase auf Zeit umfangreich mit den Kindern, deren Eltern und Lehrern vor- und nachbereitet wird. Ein Chip in dem Baby zeichnet auf, wie es betreut wurde. Bislang habe es dabei fast keine bösen Überraschungen gegeben.

Zumal die Teilzeiteltern in den täglichen Gesprächsrunden erfahren haben, dass die anderen am Morgen auch müde und nach kurzer Zeit ebenso genervt sind. „Das hat allen Kraft gegeben“, sagt Schock. Und wer gar nicht zurechtkommt, kann rund um die Uhr die Notrufnummer des Zentrums wählen. Nur einmal ist bislang ein Kind unter Decken im Schrank verschwunden. Das sei aber kein Versagen, sondern Überforderung, erklärt Schock.

Der Familientreff betreut aber auch „echte“ Mütter, die oft nicht älter als 15 oder 16 Jahre sind. Aber auch 13-Jährige waren schon da, erinnert sich Schock. Die Hälfte der Jugendlichen schafft danach trotz der neuen Aufgaben einen Schulabschluss. Die anderen kommen nach drei bis vier Jahren mit der zweiten Schwangerschaft. Wichtig ist es, Lebensentwürfe in allen Lebenslagen aufzuzeigen, unterstreicht Schock. Die Nachfrage nach den Angeboten des Zentrums steigt. Auch Lehrer fragen an, wenn plötzlich eine Schülerin schwanger ist.

Als Undina ihr Baby nach fünf Tagen abgeben muss, ist sie sehr traurig. Die Auswertung ergibt dann, dass dem Kind in dieser Zeit zweimal das Köpfchen gefährlich nach hinten geknickt war. Das ist ihr sehr unangenehm. Und auch, dass sie einmal von der Mutter und dem Bruder geweckt werden musste, als das Kind neben ihr schrie, erzählt sie mit rotem Kopf. Zumal sie eigentlich in Übung war, da sie daheim mehrfach auf den zweijährigen Bruder aufgepasst hatte.

Dass die beiden Mädchen später einmal eigene Kinder wollen, ist keine Frage. „Nur eben später!“, sagt Anika. Ihre Freundin ergänzt: „Auf jeden Fall will ich erst mal die Schule schaffen und dann einen guten Ausbildungsplatz finden.“ 

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