Berlin : Es geschieht am helllichten Tage

Sexueller Missbrauch von Jungen und Kinderpornographie – mit dem ersten Spezialkommissariat in Deutschland kämpft Berlin gegen pädophile Netzwerke

Pieke Biermann

Ismet ist zwei Jahre alt, als er Hals über Kopf mit Vater, Mutter und sieben Geschwistern aus seinem Dorf in Bosnien abhauen muss. Mit der serbischen Soldateska kommen die Massaker. Sie sind Roma, sesshaft, nicht arm. Roma stehen ganz oben auf der Liste der Völkermörder im Namen der „ethnischen Sauberkeit“. Ismets Familie verschlägt es nach Berlin. Er lebt hier noch immer, er heißt in Wirklichkeit anders, und auch manche Details, die seine Identität verraten könnten, sind verändert. Aber seine Geschichte ist wahr. Sie ist der Polizei wie der Justiz bekannt.

Die Geschichte fängt an wie ein unverhoffter Wärmestrahl. Im Supermarkt nahe dem x-ten Flüchtlingsheim, in dem die Familie unterkommt, irgendwo im Berliner Südosten, spricht ihn ein älterer Mann freundlich an. Ob er auch gern Playstation spielt? Ismet ist elf, der Mann der Typ Plauzen-Berliner, dem maulige bis aggressive Xenophobie aus jeder Pore strömt. Hässlich, fett und demonstrativ deutsch. Vor solchen Leuten muss man auf der Hut sein, das lernt man als Flüchtling als erstes. Die hassen einen. Und so einer ist nett zu einem „Zigeunerbengel“? Kauft ihm eine Cola? Interessiert sich dafür, wie er so lebt? Ismet geht mit in seine Wohnung. Als er Stunden später wieder herauskommt, hat er fünfzig Mark in der Tasche und nicht nur Playstation gespielt.

Pädosexuelle Gewalt heißt das Delikt. Die Täter nennt der Volksmund „böse Onkel“ oder „Kinderschänder“, und was die mit Kindern machen, läuft auch juristisch unter dem fatalen Begriff „sexueller Missbrauch“. Als könnte man jemanden, und erst recht Minderjährige, sexuell korrekt gebrauchen. Pädosexuelle gehen nicht nur an Jungen. Mädchen droht allerdings die größte Gefahr noch immer im familiären Umfeld. Bei Jungen lauert sie vor allem außerhalb. Überall da, wo sie sich unbeaufsichtigt aufhalten. Flächendeckend.

„Da sind immer Leute, die komische Sachen wollen“, berichtet Brita, seit 14 Jahren Streetworkerin bei Gangway e.V. für Kinder und Jugendliche, aus Hohenschönhausen. „Das wird auch nicht mehr heimlich gemacht, sondern ganz öffentlich. Die Kids sagen sich: Ist zwar komisch, wenn da einer meine Strümpfe haben will, aber schneller kann ich das Geld gar nicht verdienen.“ Solche Typen anzeigen? Bringt ja doch nichts, hat sich in ihren Köpfen festgesetzt, leider nicht zu unrecht. In Prozessen kommen solche Täter oft ungeschoren davon – ein halbwegs guter Anwalt kann einen Erwachsenen mit festem Wohnsitz und Einkommen allemal glaubwürdiger wirken lassen als den kleinen Opfer-Zeugen, der vielleicht schon mal beim Lügen oder Klauen erwischt wurde und womöglich nicht mal eine ladungsfähige Adresse hat. Außerdem würden es die Eltern erfahren.

Jungen geben schon ungern zu, dass sie Opfer einer Raubtat geworden sind. Opfer einer Sexualtat – das geht gar nicht. Das ist je nach Familientradition mindestens peinlich und oft eigene Schuld und Schande. „Wenn man überhaupt mal einen soweit hat, eine Anzeige zu machen, kehrt er auf halbem Weg um, weil ihn der Mut verlässt“, sagt Brita. Die Streetworker gehen mit zur Polizei und zu Prozessen. Vertrauen ins Strafverfolgungssystem haben sie den Kids noch nicht einflößen können. Dazu stoßen sie noch immer zu oft auf Polizisten, denen das Verbrechen an einem Kind zum Beispiel zum Dreizeiler gerinnt, der irgendwann bei der nächsten Kripodienststelle ankommt und noch später im Landeskriminalamt (LKA), das sexuellen Missbrauch von Minderjährigen bearbeitet. Direkt zum LKA aber gehen Kids schon gar nicht gern. Pädosexuellen Straftätern wird der Prozess vor Jugendgerichten gemacht. Immerhin ein bisschen Opferschutz für die minderjährigen Zeugen. „Es gibt auch die Möglichkeit der richterlichen Video-Vernehmung von Kindern, die dann vor Gericht Verwendung findet“, sagt Sigrid Nielsen, unter anderem Leiterin dreier Jugendabteilungen der Staatsanwaltschaft. Am sinnvollsten sind sie sofort nach der Strafanzeige. Wenn die ein unsensibler oder schlicht überlasteter Polizist aufnimmt, bekommen weder die extra geschulten Staatsanwälte noch das Kind die Chance.

Ismet war kein Kind mehr, als er gegen den Mann ausgesagt hat, dessen „Zuneigung“, Playstation und Geldscheine ihn immer wieder in die Wohnung gelockt und dessen Taten und Drohungen ihn jahrelang nicht nur zum Schweigen gebracht haben, sondern zum Komplizen machten. Er hat, als er „zu alt“ war, einen kleineren Bruder an ihn verkuppelt. Der Täter treibt trotzdem weiter sein Unwesen, juristisch bisher ungreifbar, angeschlossen an einen Ring Gleichgesinnter, die sich die „Beute“ gegenseitig zuschieben. Eine Parallelwelt, mal ranzig wie die Saarbrücker Tosa-Klause, in der 2001 der kleine Pascal für immer verschwand, mal gutbürgerlich-gediegen wie bei Lehrers, Pfarrers, Handwerkers nebenan. In wie vielen solcher über ganz Berlin verteilten Pädo-Ringe kleine Seelen zerstört werden, weiß niemand. Sie operieren klandestin, auch gegenüber der großen schwulen Szene der Stadt. „Die ist kein Schutzraum für solche Leute“, sagt Bastian Finke von der schwulen Opferhilfe MANEO klipp und klar, „die werden sofort angezeigt, denn in der Szene bleibt nichts geheim.“ Die MANEOs haben gerade eben bekräftigt, wie ernst sie das meinen. Sie haben gemeinsam mit der Polizei „No cruising – Hier bitte nicht!“-Schilder in einem Park angebracht, in dem ein großer Kinderspielplatz liegt, und dafür gesorgt, dass die „Klappe“ dort abgerissen wird.

Ismet hatte Glück im Unglück. Er geriet an eine Polizistin, die einfach nicht hinnehmen wollte, dass seine Geschichte mit einem gescheiterten Prozess zu Ende sein soll. Sie hat ihn – außerdienstlich, aber wann ist ein guter Polizist schon außer Dienst? – an die Hand genommen. Die Hand kann hart sein, denn Ismet hat auch manches auf dem Kerbholz. Aber er will raus aus dem Schlick. Er hat Vertrauen gefasst zu ihr, zu dieser Stadt, in der er leben und etwas werden möchte, und zu sich selbst, dass er das doch schafft. Trotz der aggressiven oder depressiven Schübe, die immer noch kommen, und mitsamt seinem Kinderkörper, diesem verstörenden Gegensatz zu dem erwachsenen Gesicht.

Mit solchen zerrissenen, aus der Bahn geworfenen Jugendlichen und Kindern arbeitet Brita tagtäglich. Kids, die sich Plätze suchen, an denen sie mit ihrer Gruppe abhängen können, Zeit totschlagen, sich volllaufen lassen. Wenn es draußen friert, kommt die Wohnung von dem Typen da richtig gut, wo man im Warmen Party machen kann. Zwischendurch muss man eben mal ins Nebenzimmer mit dem. Was soll man drüber reden? Ist normal. Und wenn der alte Zappelsack zu sehr ätzt, kriegt er eben aufs Maul oder die Bude ausgeräumt. Wer will da wen anzeigen? Jugendclubs, Sportstätten, Orte, an denen Kids aufgehoben wären, gibt's immer weniger.

„Und wenn ich mir angucke, wer sich da als freiwillige Helfer tummelt“, Brita schüttelt den Kopf, „ABM-Leute, Ein-Euro-Jobber ohne pädagogischen Hintergrund“. Von niemandem kontrollierte billige Platzhalter für eingesparte Sozialarbeit. „Wo der Staat sich zurückzieht, ist ein großes Einfallstor für solche Täter.“

Pädosexuelle sind überall da, wo Kids sind, an den Spielekonsolen in Einkaufscentern, auf Spielplätzen, in Schwimmbädern, und sie werden von vielen gesehen, die sehr viel tun könnten. Ganz leicht, sagt Henk, der seit anderthalb Jahren für das Präventionsprojekt „Berliner Jungs“ vor allem in Neukölln unterwegs ist. „Wenn sich einzelne Männer lange zum Beispiel auf einem Kinderspielplatz aufhalten und Jungs ansprechen, kann man schon mal hingehen und fragen: Kennt ihr euch? Einfach signalisieren: Wir haben euch im Blick, wir wissen Bescheid.“ Pädosexuelle scheuen Erkanntwerden. „Man kann als Ladenbesitzer sein Hausrecht nutzen, wenn sich jemand an Jungs vor den Computerspielen ranmacht.“ Kurzfristig verhindern also. Langfristige Prävention setzt bei den potenziellen Opfern selbst an. „Berliner Jungs“ geht in Schulen und macht einen „VerFührerschein“ mit Zehn- bis Vierzehnjährigen. „Das ist ein Theaterstück, da lernen sie, Täterstrategien zu durchschauen.“ Und sich dagegen zu wappnen. In Kiezen, wo pädosexuelle Aktivitäten bekannt sind, macht der Verein Streetwork und klärt Lehrer und Eltern auf. Als Puffer zwischen Kids, denen etwas passiert ist, und Polizei und Justiz versteht er sich, und dank einer Studie, die „Berliner Jungs“ durchgesetzt hat, gibt es immerhin Zahlen für die Opferseite: Jeder vierte Berliner Junge ist schon einmal von Pädos angebaggert worden, jeder zwölfte hat sexuelle Gewalt erlebt.

Ismet gehört zu letzteren, und er hat wohl auch dabei Glück gehabt: Er ist nicht in die Fänge von Menschenhändlerbanden geraten. Kinderhandel ist eine neuere lukrative Branche der internationalen Organisierten Kriminalität (OK). Der zynische Trend: das „multifunktionale Kind“. Das wird notfalls quer durch die Welt geschleust, je nach Typ und Bedarf: „Zur Arbeitsausbeutung, als Klau- und Bettelkind oder zur sexuellen Ausbeutung“, fasst Heike Rudat die Erkenntnisse von Kinderschutzorganisationen zusammen. Einen ähnlichen Verdacht hatte die Leiterin einer OK-Abteilung des Landeskriminalamts, seit Razzien gegen Menschenhändler immer öfter minderjährige Opfer ans Licht brachten.

Im Februar 2007 wagte die LKA-Führung den Schritt, neun Kripos zu einem Spezialkommissariat zusammenzuziehen, um erstmal, ein Jahr lang, ein paar Scheinwerfer in das Dunkelfeld zu halten. Das bundesweit erste Kommissariat hatte schneller Erfolg als erwartet – der spektakulärste bisher war die Zerschlagung der Kreuzberger Kneipe „Jayson's“. Oberstaatsanwältin Nielsens drei Jugendabteilungen sind inzwischen mit Verfahren zu organisierter sexueller Ausbeutung beschäftigt. Der „Nur“-Missbrauch durch Einzeltäter gehört auch weiterhin zur Tagesordnung. Heike Rudat, nicht nur eine der ranghöchsten Berliner Polizistinnen, sondern politisch wache und notorische „Spinnerin“ von Netzen zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, weiß allerdings genau, dass man solche Gewalt- und Schmuddelecken allein nie aufgeräumt kriegt.

Netzwerke sind nötig, ähnlich wie die gegen häusliche Gewalt, „um Vertrauen aufzubauen zwischen Polizei und Projekten, und wir als Polizei müssen zeigen: wir brauchen euch, die Aussagen von Betroffenen, damit die Betroffenen erleben, dass ihre Aussagen einen Wert haben und zu Konsequenzen führen.“

Hilfeangebote: www.jungen-netz.de und www.gangway.de

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