Europa - mein scHmERZ : Die Liebe zum Eigenen ist die zum Fremden

Europa hat seit dem Mauerfall viel versäumt, schreibt die Schriftstellerin Jagoda Marinić. Doch Nationalismus ist nicht die Lösung. Es braucht gemeinsame Antworten.

Jagoda Marinić
Jagoda Marinik, 39, Deutsch-Kroatin, lebt in Heidelberg. Zuletzt erschienen: „Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?“
Jagoda Marinik, 39, Deutsch-Kroatin, lebt in Heidelberg. Zuletzt erschienen: „Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?“Foto: Dorothee Pirouelle

Ich werde mir dieses freie Europa nicht nehmen lassen. Ich werde nicht einfach dabei zusehen, wie sich schlechte Nachrichten und Verletzungen, die Freiheit mit sich bringen kann, über diesen Kontinent und wie aschfarbener Mehltau über mein Leben legen. Ich werde mir Europa nicht dunkel reden lassen von Menschen, die es mit ihrer nationalen Engstirnigkeit zurück in genau jene Dunkelheit bringen könnten, aus der mein Europa in Richtung Freiheit gewachsen ist.

Mein Europa wurde aus den schwächsten Schwächen der Menschheit ins Leben gerufen. Ich bin geboren in einer Zeit, da war das Schlimmste schon geschehen. Es war seither überall zugegen, es ist in mich übergegangen, das Wissen darum, wie sehr alle Menschen, die an meinem Leben beteiligt sind, von der Geschichte dieses Kontinents betroffen waren. Vom Grauen. Und vom Wiederaufbau. Es gibt keinen Deutschen, Italiener, Franzosen, Polen, Österreicher oder Griechen ohne europäische Geschichte.

Selbst die alten Menschen im Steinhaus im Hinterland der südlichsten Zipfel Europas können an ihrer Familie entlang Europas Geschichte erzählen. Aus den Schmerzen ist ein Wissen erwachsen, ohne das dieses neue Europa, mein Europa, nie geworden wäre, was es ist. Meine Generation wird sich nicht einreden lassen, dass alles, was wir aus den Fehlern unserer Vorfahren gelernt haben, Naivität ist. Ich würde den Ältesten manchmal gerne versprechen, dass ihre Nachfahren nie so dumm sein werden, das Hinterlassene zu verraten, statt es in Ehren zu halten und zu erinnern. Und wir können an einer Zukunft bauen, die an das Gemeinsame glaubt. An Freiheit. An Solidarität. Letztlich ist es der ewige Kampf um Frieden.

Europas neue "Mauer" verläuft zwischen Nord und Süd

Ja, dieses Europa hat seit dem Fall der Mauer vieles versäumt. Statt zusammenzuwachsen, hat es zwischen Nord und Süd eine neue Mauer errichtet. Es hat die Kluft zwischen den europäischen Bürgern und ihren politischen Vertretern nicht geschlossen. Es gibt kaum jemanden, der zu Europas Institutionen Vertrauen hätte. Selbst Pro-Europäer sind enttäuscht. Keine Partei, die in nationalen Kategorien denkt, würde es wagen, mit bürokratischen Normmaßen für Glühbirnen oder Bananen in den Wahlkampf zu ziehen.

Die europäische Politik hat sich leider vor allem mit solchen Programmen bekannt gemacht. Überhaupt, Wahlen: Die Beteiligung bei den EU-Wahlen sinkt. Und was Solidarität angeht, ist Europa Jahr um Jahr ein Stück mehr gescheitert. Zuerst Lampedusa, dann Athen: Hätten die anderen europäischen Länder damals schon Italien und Griechenland bei den Menschen auf der Flucht geholfen, dann wären wir besser gewappnet gewesen.

Aus diesem Scheitern beziehen nun die Gegner Europas ihren Kraftstoff. Die Enttäuschungen, all die verunsicherten Hoffnungen der Menschen, sollen nun gegen Europa gewendet werden. Wenn ein Terrorist es schafft, über drei Grenzen zu reisen, ohne festgenommen zu werden, dann stellt man sofort Schengen und die offenen Grenzen infrage. Wenn Terroristen europäische Städte als Ziel wählen, weil hier das Leben gelebt wird, das sie vernichten wollen, dann stellen viele Europa infrage. Dabei sollte es sie darin bestärken, im Fanatischen keine Antwort zu sehen.

Es braucht eine Bastion der Werte, keine Festung gegen Menschen

Europa scheitert nicht nur. Immerhin konnte es einen Terroristen stoppen, bevor ihm weitere Menschen zum Opfer fallen. Und es hätte mehr und nicht weniger zusammenarbeiten müssen, um zu verhindern, was uns in Berlin unsere Verwundbarkeit vor Augen geführt hat. Der Terror entsteht nicht wegen, sondern trotz Europa. Die Illusion, Nationalstaaten seien wehrhafter, ist ein frommer Wunsch der Nationalisten. Dieses Europa braucht im Gegenteil gemeinsame Antworten in einer Zeit, in der jedes Land für sich nur ein Spielball im Gefüge der geopolitischen Machtspiele ist. Europa kann nur eine Bastion der Werte sein, keine Festung gegen Menschen. Sich dem Terror entgegenzustellen, das gelingt nicht durch Aufgabe der eigenen Humanität. Dieses starke, kooperierende Europa ist unter Beschuss. Nicht nur von den Dschihadisten, ob sie aus dem Inneren Europas kommen oder über die Außengrenzen. Europa wird nicht stärker nach außen, wenn es nach innen schwächer wird. Es ist die Liebe zum Eigenen, die jetzt zählt. In dem Europa, in dem ich aufgewachsen bin, schließt dies die Liebe zum Fremden mit ein.

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