Berlin : Evelyn Pfeiffenberger (Geb. 1919)

In Revuefilmen ist sie zu sehen. In Varietés umbrandete sie Applaus

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Der Wind weht vom Paradies her und lässt das hauchdünne Tutu zur Seite flattern. Ihr rechter Arm schlingt sich um den Hals des Tänzers, der sie mühelos zu drehen scheint, während ihre Beine sich in eine Schwerelosigkeit heben, die nie länger währte als einen Wimpernschlag. „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein.“ Das tat sie von Kindesbeinen an, tanzen. Mit drei hatte sie ihren ersten großen Auftritt im Kurpark von Baden-Baden. Mit fünf ging sie in die Berliner Ballettschule von Tatjana Gsovsky, ohne viel dafür bezahlen zu können. Denn vom Reichtum der Familie war wenig geblieben. Die Bolschewiki hatten das Elternhaus nahe Sankt Petersburg niedergebrannt und die Fabrik besetzt, Vater und Großvater waren auf dem Pferdewagen geflohen, die Mutter wurde mit den Kindern nach Sibirien deportiert. Da sie ihren Mann totglaubte und einen Beschützer für ihre Kinder suchte, heiratete sie in der Verbannung den Baron von Schöning. Evelyn kam in einem Flüchtlingslager zur Welt, kaum drei Kilo wog sie. Es gelang die Flucht nach Österreich, in Wien klingelten sie an der Tür der ehemaligen Schwiegermutter – es öffnete der totgeglaubte Mann. Kein Zurück. Aber auch keine Zukunft mit dem neuen Mann. Dank eines geretteten Ohrrings konnte die Mutter in Kleinmachnow ein Grundstück kaufen und ein Holzhaus im russischen Stil darauf erbauen lassen.

Evelyn ernährte Bruder, Mutter und Großvater mit ihren Tanzkünsten. In vielen Revuefilmen ist sie zu sehen. In Varietés umbrandete sie Applaus. Nie war so viel Rhythmus in der Stadt wie in diesen Jahren. „Wir tanzen um die Welt.“ Verehrer hatte sie unzählige, natürlich, aber erhört hat sie keinen. Es gab diesen „Bubi“ von Zitzewitz, aber der war zu leichtlebig. Dann traf sie den schönen italienischen Offizier aus Udine, doch der fiel im Krieg. Während sie selbst tanzte, immer weiter tanzte, nun im Dienste der Truppenbetreuung, von Norwegen bis Sizilien.

Evelyns Karriere endete mit 29 Jahren. Herzschmerzen. Die auch in der Ehe nicht endeten. Evelyn hatte den Bühnenbildner Heinz Pfeiffenberger an der Komischen Oper kennengelernt, er warb um sie, beharrlich, obwohl er ein Frauenheld war, schien er nicht von ihr lassen zu können. Sie ließ sich darauf ein, bereute es bald, und war doch glücklich, weil sie ihre zwei Töchter über alles liebte. „Komm, wir gehen weg“, bat die ältere, aber sie widersprach. „Papa ist krank, wir können ihn nicht allein lassen.“ Sie hatte ihr Wort gegeben. Miteinander ist Füreinander.

Als Heinz Pfeiffenberger 1968 starb, blieb sie allein zurück in dem Dorf bei Göttingen, wo er sich kurz vor seinem Tod eingenistet hatte. Sie fand sich zurecht, wie immer. Betreute ein Mädchen mit Down- Syndrom, das im Ort schief angesehen wurde. Nahm eine fünfköpfige obdachlose Familie auf und machte sich umgehend zurück auf den Weg nach Berlin, als es galt, für ihr Enkelkind da zu sein.

Sentimental wurde sie nie, aber sie hat gern Geschichten erzählt in der Hoffnung, dass sich andere ihren Teil dabei denken. Niemanden bevormunden, das hielt sie mit allen Menschen so. Denn da gab es immer einen freien Platz in ihrem Herzen, sodass niemand das Gefühl haben musste, außen vor zu sein. Und was ihre eigenen Träume anging – da stand ja viele Jahre dieser Überseekoffer im Haus der Mutter, in dem all die Kostüme lagen, die Schleier und Tücher, die ihr Salomes Zauber verliehen hatten. Was Tänzerinnen von gewöhnlichen Menschen unterscheidet? Ihr Élan vital. Ein Ausdruck, der sich besser tanzen als übersetzen lässt. Noch im hohen Alter lief sie in aufrechter Haltung, erhobenen Hauptes. Und in ihren letzten Tagen war ohnehin alles wieder da, die glanzvollen Revuen, die tosende Orchestermusik, und die Wogen des Applauses, unhörbar für die anderen, hoben sie noch einmal auf die große Bühne.

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