Fachkräftemangel in Berlin : Notärztin musste im Seniorenheim helfen

Die Feuerwehr musste zu einem Pflegeheim in Rudow kommen, um die medizinische Versorgung von den 21 Bewohnern zu sichern. Die Fachkraft fehlte.

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Ohne eine medizinische Fachkraft können die Seniorenheimbewohner ihre Medikamente nicht bekommen. (Symbolbild) Foto: dpa
Ohne eine medizinische Fachkraft können die Seniorenheimbewohner ihre Medikamente nicht bekommen. (Symbolbild)Foto: dpa

Eine völlig überforderte Hilfspflegerin hat am Sonntag die Feuerwehr zu einem Seniorenpflegeheim in Rudow gerufen, damit die Notärztin den Senioren ihre Medikamente geben konnte. Der Notruf ging um 10.56 Uhr ein. Eigentlich hätten mindestens drei der 21 Bewohner dieses Wohnbereichs im von Casa Reha betriebenen Seniorenpflegeheim „Gartenstadt“ schon gegen sieben Uhr Insulin und andere Medikamente bekommen müssen – doch die Hilfskraft war nicht befugt, sie zu verabreichen. Eine Fachkraft war nicht da.

Das LKA ermittelt

Eine besorgte Angehörige, die zu Besuch war, hatte die Polizei verständigt – diese hatte die Hilfspflegerin angewiesen, sofort den Notarzt zu rufen. „Wir machen Notfallrettung, wir können keine Pflege übernehmen“, sagte ein Sprecher der Berliner Feuerwehr, die mit einen Rettungswagen, einem Notarztauto und einem Führungsfahrzeug angerückt war. Ins Krankenhaus musste keiner der Senioren. Inzwischen geht es offenbar allen wieder gut. Das Landeskriminalamt ermittelt jetzt wegen des Verdachts der Vernachlässigung Schutzbefohlener, so ein Sprecher der Berliner Polizei.

Ein Sprecher des Heimbetreibers Casa Reha erklärte den „personellen Engpass“ damit, dass eine Fachkraft kurzfristig erkrankt sei. Normalerweise hätte – wie in jeder Schicht – auch in der Frühschicht mindestens eine medizinisch ausgebildete Fachkraft anwesend sein müssen. „Wir nehmen den Vorfall sehr ernst und werden Maßnahmen ergreifen, damit so etwas nicht wieder passiert“, sagte er.

Für die Frage, ob noch mehr Fachkräfte eingestellt würden, sei es allerdings noch zu früh. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) zeigte sich bestürzt. „Wir drücken unser großes Bedauern aus, dass es zu diesem Vorfall gekommen ist. Dem Fachkräftemangel muss dringend entgegengewirkt werden“, sagte Ulla Rose, Geschäftsführerin des DBfK Nordost.

Fehlendes medizinisches Personal: ein bedrohliches Problem

Das Problem des fehlenden medizinischen Fachpersonals ist nicht neu, aber bedrohlich. „Es gibt einen konstanten Personalmangel in so gut wie jedem Berliner Pflegeheim“, erzählt eine ehemalige Patientenfürsprecherin, die vom Landesamt für Gesundheit und Soziales in Pflegeheimen eingesetzt wurde.

Knapp zehn Jahre hat die Dame, die nicht namentlich genannt werden möchte, in diesem Beruf gearbeitet und sich für die Bewohner in Pflegeeinrichtungen und ihre Bedürfnisse eingesetzt. Oftmals würden sich die Pflegeheime bei akutem Personalmangel Leihkräfte bei Pflegefirmen bestellen, doch ein Ausgleich fehlender medizinischer Fachleute sei fast nicht möglich – es gebe einfach zu wenig.

Die überlastete Hilfspflegerin im Seniorenheim „Gartenstadt“ hatte vergeblich versucht, sich Hilfe von einer Fachkraft eines anderen Wohnbereichs des Hauses zu holen. „Dieser Kollege war nicht sehr hilfsbereit“, sagte der Sprecher von Casa Reha. Erst die Notärztin musste es richten. Die Kosten für den Einsatz trägt Casa Reha.

"Im schlimmsten Fall schließen wir das Heim": Lesen Sie hier ein Interview mit dem Leiter der Berliner Heimaufsicht.

Zahlreiche Informationen unter anderem zum Personal in Berliner Pflegeheimen gibt es im Magazin „Tagesspiegel Pflegeheime Berlin 2015/2016“. Es kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop unter www.tagesspiegel.de/shop oder telefonisch unter 030/29021-520.

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