Fahrpreis-Aufschlag : Zehn Cent mehr für die Sicherheit im Nahverkehr?

Nach den brutalen Angriffen auf Menschen in U-Bahnhöfen wird in Berlin diskutiert, wie die Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr erhöht werden kann. Im Gespräch ist auch eine Sicherheitsgebühr.

von und
Notrufsäulen und Videokameras haben die brutalen Übergriffe der vergangenen Zeit nicht verhindern können.
Notrufsäulen und Videokameras haben die brutalen Übergriffe der vergangenen Zeit nicht verhindern können.Foto: dpa

Nach den brutalen Angriffen auf Menschen in U-Bahnhöfen wird in Berlin diskutiert, wie die Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr erhöht und Übergriffe verhindert werden können. Die Videoüberwachung auf den Bahnhöfen kann zwar helfen, dass – wie im Fall in Lichtenberg, wo ein 30-Jähriger ins Koma geprügelt worden war – Tatverdächtige schnell gefasst werden. Allerdings hilft sie offensichtlich nicht, Angriffe zu verhindern.

Im Gespräch ist etwa eine Sicherheitsgebühr. Nach einem Überfall in der Münchner U-Bahn im Dezember 2007 hatte CSU-Politiker Peter Gauweiler gefordert, in jedem Bahnwaggon einen Wachmann mitfahren zu lassen. Bezahlt werden solle dies mit einem „Sicherheitsaufschlag“ auf jeden Fahrschein von zehn Cent. „Deutschland wird in der Münchner U-Bahn verteidigt, am Bahnhof Zoo in Berlin und in der Frankfurter Innenstadt“, glaubt Gauweiler. Er stehe zu seiner Forderung nach einem Sicherheitsaufschlag, auch für Berlin, sagte der Bundestagsabgeordnete am Freitag. Vor drei Jahren waren fast 60 Prozent der Leser bei einem Pro & Contra im Tagesspiegel dafür, zehn Cent mehr pro Ticket zu zahlen, damit mehr Sicherheitsleute eingestellt werden können. Doch passiert ist nichts in Berlin. In Frankfurt (Main) fährt dagegen nach 21 Uhr in den S-Bahnen Sicherheitspersonal im ersten Wagen mit – bestellt und bezahlt vom dortigen Verkehrsverbund.

„Grundsätzlich hätten wir nichts dagegen“, sagt BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Eine Fahrpreiserhöhung sei aber eine politische Entscheidung, die der Verkehrsverbund Berlin Brandenburg fällen müsse. Für Sicherheitspersonal auf jedem Bahnsteig bräuchte die BVG 800 bis 1000 neue Mitarbeiter. Wazlak betonte zudem, dass es weit weniger Gewalt im Nahverkehr gebe, als viele annehmen. Durchschnittlich komme es pro Monat nur zu zehn Gewaltvorfällen und das bei monatlich 42 Millionen Fahrgästen.

In der Politik findet sich derzeit hingegen kein Unterstützer für das Konzept. Der Innenpolitische Sprecher der Berliner CDU-Fraktion Robbin Juhnke hält eine Fahrpreiserhöhung für falsch. „Sicherheit ist wichtig und kostet Geld, aber das ist eine Aufgabe, die der Staat erledigen muss.“ Er spricht sich dafür aus, die sogenannten Doppelstreifen von Polizei und BVG- Mitarbeitern wieder einzuführen. Wichtig sei, mehr Geld für die Polizei bereitzustellen. „Das Gewaltproblem ist nicht allein auf die U-Bahn beschränkt.“

Die Grünen betonen, dass der Nahverkehr sicher und günstig sein müsse. „Die BVG hat noch viel fahruntaugliches Personal, was in Uniform die Sicherheit auf den Bahnsteigen erhöhen würde“, sagt der innenpolitische Sprecher Benedikt Lux. Die Frage, ob man zusätzlich für die Sicherheit die Preise erhöht, könnten nicht die Politiker beantworten, sondern nur die Fahrgäste selbst. „Die BVG könnte eine Umfrage bei den Kunden durchführen“, schlägt Lux vor.

„Ich halte wenig davon“, sagt auch Amtskollege Thomas Kleineidam (SPD). Ein Verkehrsunternehmen müsse in seinem Fahrpreis die Sicherheitsmaßnahmen einkalkulieren. „Einfach zehn Cent aus der Kalkulation herauszunehmen macht keinen Sinn.“ Sonst könne man auch als Nächstes Zuschläge für Wartungsarbeiten verlangen.

Im Fall um einen Obdachlosen, der vergangenen Sonntag auf dem U-Bahnhof Hansaplatz brutal attackiert worden war, konnten mithilfe von Bildern aus einer Überwachungskamera zwei Verdächtige festgenommen werden. Bei einem 32-Jährigen, der am Donnerstag auf dem U-Bahnhof Hansaplatz – also dem Tatort – gefasst wurde, erhärtete sich der Tatverdacht nicht. Nach Tagesspiegel-Informationen stammt der Mann aus Polen und hat keinen festen Wohnsitz. „Er gehört ebenfalls zur Trinker- und Obdachlosenszene, die am Hansaplatz vertreten ist“, sagte ein Ermittler. Am Freitag konnte die Polizei dann eine tatverdächtige 39-Jährige festnehmen, die ebenfalls auf dem Video zu sehen ist. Weil gegen sie bereits ein Haftbefehl wegen einer nicht bezahlten Geldstrafe vorlag, kam sie in Untersuchungshaft.

Die Ermittler hatten nach den Tätern mit Bildern aus der Überwachungskamera gesucht – zunächst hieß es, die Angreifer seien wie in Lichtenberg eine Gruppe von Jugendlichen. Jetzt gehen die Ermittler eher davon aus, dass es sich um einen Streit im Trinkermilieu handelte. Das 45-jährige Opfer war der Kripo keine Hilfe – zum Tatzeitpunkt war er volltrunken und konnte keine Angaben zu seinen Peinigern machen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

90 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben