Radtour : Das politische Berlin

Der Chefredakteur des Tagesspiegels, Lorenz Maroldt, empfiehlt eine Runde zwischen Zeitgeschichte und dem Puls der Macht. Von Kennedys „Ich bin ein Berliner“ bis zum Roten Rathaus gibt es Politik und Zeitgeschichte im Zeitraffer.

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Karte: ©OpenStreetMap-Mitwirkende

Streckenbeschreibung

km 0 Diese Tour führt uns durch das politische Berlin, und sie ist auch ein bisschen so wie die Politik: nur selten geradlinig, mal hin, mal her, oft holprig, mal stop and go, aber es gibt am Ende doch ein Ziel. Von West nach Ost fahren wir, vom Rathaus Schöneberg zum Roten Rathaus in Mitte, vorbei an Orten und Gebäuden, die vor den Nazis, von den Nazis, die von der DDR, vom West-Berliner Senat und später vom vereinten Deutschland genutzt wurden, es geht also von der Vergangenheit in die Gegenwart, wobei das eine oft auch das andere ist. Und deshalb fängt alles an mit dem Ende einer Rede: „As a free man I take pride in the words: Ich bin ein Berliner!“ Ja, das waren die Worte des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg, wo wir jetzt mit unseren Rädern stehen. Hier war einst das West-Berliner Abgeordnetenhaus, hier tagte der Senat, hier sangen Helmut Kohl und Walter Momper am Tag, nachdem die Mauer fiel, so schrecklich schief. Aber wenn nicht gerade Wochenmarkt ist, ist das heute ein etwas unwirtlicher Platz, also los, einmal über die breite Martin-Luther-Straße hinweg und hinein in den schönen Akazienkiez.

km 4 Nachdem wir über das Kopfsteinpflaster durch Schöneberg gerattert sind, vorbei am Kammergericht hinterm Kleistpark, den Landwehrkanal queren konnten und am Bendlerblock, Ort des Widerstands, dem Verteidigungsminister einen zackigen Gruß über den hohen Zaun geworfen haben, erreichen wir am Rande des Diplomatenviertels die grüne Lunge der Innenstadt: den Tiergarten. Es beginnt hier der ruhigste Abschnitt der Tour, es sei denn, die Sonne scheint, es ist warm und Sonntag, denn dann kann es passieren, dass noch andere auf die Idee kommen, die Bellevueallee Richtung Schloss zu promenieren, ob mit Rad oder ohne.

km 7 Berlin hat mehr Brücken als Venedig, aber die Ufer der Spree haben sich die Berliner erst nach dem Fall der Mauer für ihr Freizeitvergnügen erobern können. Auch die Wege hier, entlang des Kanzlerparks, sind relativ neu. Eine kleine Erfrischungspause am Zollpackhof vielleicht, oder etwas weiter am Capital Beach vis à vis vom Hauptbahnhof, bevor es so richtig reingeht ins Regierungsviertel? Ach, herrlich….

km 10 Wer den Pariser Platz hinter sich hat und hier nicht von Fußgängerhorden über den Haufen gerannt worden ist, hat gute Chancen, auch den Rest der Tour zu genießen. Die Reifen rollen jetzt gewissermaßen Meter für Meter über doppelt und dreifach festgeklopfte Geschichte, Reichstag, Parlamentsgebäude, Botschaften, Bunker, Holocaustmahnmal, Preußischer Landtag, Wilhelmstraße, Linden, die deutsche Geschichte fliegt nur so vorbei, Gropiusbau, Mauerreste an der Niederkirchnerstraße, die Topografie des Terrors, das Detlev-Rohwedder-Haus, benannt nach dem von der RAF ermordeten ersten Treuhandchef, heute Sitz des Finanzministers, früher Haus der Ministerien der DDR, Schauplatz des Aufstands vom 17. Juni 1953, noch früher Reichsluftfahrtministerium, ja, so langsam kann man gar nicht fahren, um das alles vom Sattel aus zu erfassen.

km 13 Eine kleine Pause zum Genießen darf schon noch sein, denn jetzt haben wir das Epizentrum der Pferdekutschen, Bierbikes, Hop-on-hop-off-Busse und Trabbisafaries bald hinter uns gelassen. Zwei Orte bieten sich dafür an: Entweder gleich hier, am Gendarmenmarkt, oder etwas weiter im Nikolaiviertel. Touristisch ist es hier wie dort, politisch und geschichtlich interessant aber auch. Und noch einen Grund gibt es, die letzte Pause vorzuverlegen und nicht bis zum Ende der Tour am Roten Rathaus zu warten: Je näher wir dem Fernsehturm kommen, desto dauerbaustelliger wird es, und jenseits der Spandauer Straße wird es in vielfacher Hinsicht garstig, auch gastronomisch. Also lieber noch einmal mit dem frischen Blick aufs Konzerthaus zwischen dem Deutschen und dem Französischem Dom einen Kaffee bestellen, oder nach dem Schlingerkurs um das Außenamt, das Staatsratsgebäude, den Schlossplatz und den Marstall herum noch mal kurz an der Spree verweilen, mit Blick auf die Boote, die vom Berliner Dom zur Mühlendammschleuse gleiten. Ach ja, die Politik in Berlin, sie kann so schön sein…

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