Reflektieren über Reflektoren : Mit der Polizei auf Radfahrerkontrolle

Freundliche Hinweise, fragliche Vorschriften – und kein Blick für die Autofahrer: Eine Woche lang kontrolliert die Berliner Polizei verstärkt Radfahrer. Den Radfahrerclub ADFC erzürnt die Prioritätensetzung bei der Auswahl der Orte.

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Tiefer Blick. Die Roelckestraße war eine von vielen, in denen die Polizei am Mittwoch Radler und Räder kontrollierte.
Tiefer Blick. Die Roelckestraße war eine von vielen, in denen die Polizei am Mittwoch Radler und Räder kontrollierte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Kaum haben sie ihn angehalten, wird Thomas B. ungehalten. „Fuck scheiß Vorschriften“, knurrt der 42-Jährige, während der Polizist Thorsten Sommer sein angewittertes Mountainbike inspiziert. Diagnose: Die Reflektoren an Pedalen sowie nach vorn und hinten fehlen, die in den Rädern sind weiß statt gelb und deshalb nicht straßenverkehrszulassungsordnungskonform. Weil auch die ohnehin nur mit einem zugedrückten Polizistenauge akzeptablen Batterielampen nicht funktionieren, verfasst Sommer einen Mängelbericht. B. bekommt zehn Tage Zeit, sein vorschriftsgemäß nachgerüstetes Fahrrad auf einem Polizeirevier seiner Wahl vorzuzeigen. „Dann melde ich das Fahrrad ab“, sagt B. und merkt im selben Moment, dass man Fahrräder nicht abmelden kann. Er habe keine 100 Euro, um sein Rad mit Nabendynamo und passenden Leuchten nachzurüsten, klagt er. Aber er habe das Gefühl, dass in diesem Land etwas schief läuft, wenn die Polizei mit fünf Mann und vier Autos anrückt, um Reflektorfarben zu kontrollieren.

Es ist der einzige ungemütliche Moment während der zweistündigen Radfahrerkontrolle am Mittwochvormittag in Weißensee. Hauptkommissar Michael Leu hat sich mit vier Kollegen an der Roelckestraße in Höhe der Einmündung Gehringstraße postiert. Eine überschaubare Ecke, aber laut Unfallbilanz 2010 eine mit gehäuften Fahrradunfällen. Deshalb hat Leu sie als einen der Orte für die noch bis Dienstag laufenden Schwerpunktkontrollen von Radlern ausgewählt. Welcher Art und wessen Schuld die Unfälle hier waren, wisse er nicht, sagt Leu.

Inzwischen ist sein Kollege Thorsten Sommer fertig. Wäre der Mountainbiker einsichtiger gewesen und seine Beleuchtung intakt, hätte er es bei einer mündlichen Verwarnung belassen. „Wie man in den Wald hineinruft…“, sagt Leu. Dann bekommen sie wieder Arbeit: Ein junges Paar auf dem Weg zum Sport, Alexandra R. und Eric B. Auch er hat weiße, stäbchenförmige Speichenreflektoren und keine Pedalrückstrahler. „Diese Reflektorstäbchen sind nicht zugelassen“, sagen die Polizisten. „Selbstverständlich sind sie das“, erwidert Eric B. Sie einigen sich darauf, dass vorhandene Reflektoren besser sind als keine, B. wird mündlich verwarnt. Er wundere sich, dass die Polizisten nicht Bescheid wüssten und dass sie hier am Stadtrand stehen, wo kaum jemand radelt, während beispielsweise um die Schönhauser Allee Chaos und Anarchie regierten, sagt Eric B. „Aber die waren zumindest höflicher als die bei meiner letzten Kontrolle.

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Wie man in den Wald hineinruft…“ Alexandra R. lobt, dass die Polizisten sie auf ihr schlackerndes Vorderrad hingewiesen haben.

„Wir können nicht immer nur an der Schönhauser kontrollieren“, sagt Leu beim Warten auf den nächsten Radler. Obwohl es nicht abwegig wäre, wie er bestätigt. Nicht nur, weil dort viel mehr geradelt werde und viel mehr passiere. Sondern auch, weil Innenstadtmenschen polizeilichen Maßnahmen gegenüber tendenziell weniger aufgeschlossen seien. „Sie können mir glauben: Wir versuchen immer erst mal ein vernünftiges Gespräch“, sagt Leu. Aber dazu brauche man vernünftige Gesprächspartner. In den Außenbezirken sei die Resonanz positiver.

Die beiden Kollegen auf der anderen Straßenseite haben gerade einen Geisterradler am Wickel, der den kurzen, aber illegalen Weg zum nahen Baumarkt nehmen wollte. Am Ende der zwei Stunden stehen 18 angehaltene Radler, drei Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten – der Standardtarif für Ausrüstungsmängel und leichte Vergehen ist zehn Euro – sowie der Mängelbericht von Thomas B.

Ursula H. war die Letzte, die an diesem Vormittag in Weißensee kontrolliert wurde. Ihr rosa Stadtrad sah zwar alt, aber intakt aus; nach einer Minute durfte sie weiterfahren. Dabei zeigte sich, dass sie zur Hochrisikogruppe gehört, denn sie startete ohne einen Blick auf den Autoverkehr bei Grün über die Radwegfurt. Diese Konstellation – Rechtsabbieger rammt geradeaus fahrenden Radler – ist seit Jahren die Hauptursache für schwere und tödliche Unfälle mit Radlern. Erst am Montagabend war in Treptow wieder eine junge Frau überrollt worden, als ihr ein abbiegender Lkw den Weg abschnitt.

Auf die abbiegenden Autofahrer hat bei dieser Kontrolle allerdings niemand geachtet. Aus Sicht von Leu ist das auch nicht nötig, weil die Radler ja ohnehin vor der Kreuzung angehalten wurden und die Abbieger deshalb freie Bahn hatten.

Den Radfahrerclub ADFC erzürnt die Prioritätensetzung der Polizei. Während Leu und seine Kollegen in Weißensee zusammenpacken, steht ADFC-Landesvorstand Bernd Zanke in Treptow bei einer Mahnwache an der Kiefholzstraße, wo die 21-jährige Elisa W. am Montagabend starb. Auf dem Weg dorthin habe er selbst eine Kontrollstelle passiert, an der Jannowitzbrücke. „Dort kontrolliert die Polizei schon wieder Radfahrer, aber Autos und Lastwagen bleiben verschont.“ Dasselbe habe er an der Oberbaumbrücke erlebt. Im vergangenen Jahr hätten Rechtsabbieger 547 Radler-Unfälle verursacht, echauffiert sich Zanke, die Ursache sei also „mit Abstand die häufigste“. Obwohl der Senat immer neue Radrouten anlege, „wird nur durch die Windschutzscheibe gedacht“. Anwohner kommen hinzu, schimpfen über den vielen Autoverkehr. Lkw-Fahrer bekommen Zettel durchs Fenster gereicht, auf denen sie zu mehr Vorsicht aufgefordert werden.

Die Polizei sucht nicht nur für diesen Unfall Zeugen, sondern auch für einen Zusammenstoß, bei dem am Dienstag an der Landsberger Allee ein 29-jähriger Radler schwer verletzt wurde.

Mitarbeit: Eva-Charlotte Proll

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