FAMILIE IN BERLIN : Pflegedienste für ältere Migranten

Interkulturelle Pflegedienste kümmern sich in Berlin um die besonderen Bedürfnisse älterer Migranten. Gerade ehemalige Gastarbeiter sind durch die harte körperliche Arbeit auf Hilfe im Alter angewiesen.

Susanne Thams
Ein gutes Team. Die Pflegerin Dilek Gürsoy (l.) macht bei Semiha und Mehmet Ilgaz regelmäßig Hausbesuche.
Ein gutes Team. Die Pflegerin Dilek Gürsoy (l.) macht bei Semiha und Mehmet Ilgaz regelmäßig Hausbesuche.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Türkin Semiha Ilgaz will ihren Lebensabend in Deutschland verbringen. Berlin sei in den vergangenen 40 Jahren ihre Heimat geworden, sagt sie. Im Alter jedoch braucht die 68-Jährige Hilfe im Haushalt und bei der Pflege ihres Mannes Mehmet, der nach einem Schlaganfall gelähmt ist. Aufstehen, Waschen, Anziehen – all das wird immer beschwerlicher. Auch ihre eigene Bandscheibe macht nicht mehr mit, sagt die frühere Gastarbeiterin, wegen der Akkordarbeit am Fließband.

Trotz der lieb gewonnenen neuen Heimat ist die Sprache, in der sich Semiha Ilgaz noch immer am besten ausdrücken kann, das Türkische. Da kommt der interkulturelle Pflegedienst „Drei Engel“ mit seinen zweisprachigen Mitarbeitern wie gerufen. Denn das Ehepaar Ilgaz gehört zu den geschätzten 30.000 Migranten in der Hauptstadt, die über 65 Jahre alt sind – und die durch ihre Sprache, Kultur und religiösen Bräuche besondere Bedürfnisse im Bereich der Altenpflege haben. Täglich machen Dilek Gürsoy und ihre Kollegen vom Pflegedienst nun Hausbesuche beim Ehepaar Ilgaz.

Semiha Ilgaz glaubt zwar, dass sie sich auch mit einer deutschsprachigen Pflegekraft gut verständigen könnte. Aber so ist es leichter und vertrauter. Denn Dilek Gürsoy kennt die Gebräuche ihrer Landsleute. An der Haustür werden nach türkischer Sitte stets die Straßenschuhe ausgezogen. Schweinefleisch wird den muslimischen Patienten nicht serviert. Auch bei der Körperpflege gibt es Unterschiede zu deutschen Gewohnheiten: „In der türkischen Kultur ist es wichtig, sich unter fließendem Wasser zu waschen“, erklärt die 39-jährige Gürsoy. „Sich mit einem Waschlappen zu reinigen, ist unüblich.“

Derlei Unterschiede sollten beachtet werden, sonst fühlten sich die Pflegebedürftigen bald unwohl, sagt Emine Üzüm, Mitbegründerin des Pflegedienstes. Sie schuf für die wachsende Gruppe der älteren Migranten, unter denen die Türken am stärksten vertreten sind, die passende Dienstleistung. „Kultursensibel“ müsse das Personal dabei sein, sagt Üzüm: interkulturell geschult, so dass es ohne Vorurteile auf den Menschen und seine Bedürfnisse einzugehen weiß.

Angebote der kultursensiblen Altenhilfe gibt es in Berlin erst seit einigen Jahren. Bis 2020 wird sich die Zahl der älteren Migranten in der Stadt auf 60.000 verdoppeln; Spätaussiedler und Eingebürgerte mit deutscher Staatsangehörigkeit nicht mitgerechnet. Davon geht die senatsgeförderte Fachstelle „Kompetenz-Zentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe“ nach Zahlen des Statistischen Landesamts Berlin aus. „Aber die wachsende Zahl pflegebedürftiger Migranten ist lange Zeit nicht wahrgenommen worden“, sagt Maria Matzker, interkulturelle Beauftragte der Diakonie-Pflege Neukölln, die sich ebenfalls mit dem Thema Alter und Migration beschäftigt.

Geringe Deutschkenntnisse und fehlende Informationen erschwerten älteren Migranten lange den Zugang zum deutschen Pflegesystem. Dabei sind gerade ehemalige Gastarbeiter durch die harte körperliche Arbeit auf Hilfe im Alter angewiesen. „Als wir die Hemmschwellen vor etwa zehn Jahren bemerkten, haben wir zunächst die Broschüren für die Pflegeangebote in andere Sprachen übersetzen lassen“, sagt Maria Matzker. Als die Nachfrage dennoch ausblieb, fragte sie nach: Viele Einwanderer der ersten Generation sind Analphabeten. „Aus dem Fehler, unsere eigenen Maßstäbe auf andere anzulegen, haben wir gelernt“, sagt sie.

Der Umgang mit der kulturellen Vielfalt in der Altenpflege hat sich auf das gesamte Pflegesystem ausgewirkt. Eine „Nullachtfünfzehn-Behandlung“ bekämen auch deutsche Patienten nicht, sagt Matzker. Wichtig sei, sich in den Menschen und sein Umfeld einzufühlen – egal, aus welcher Kultur er stammt.

Vom türkischen Brauch, abends eine warme Mahlzeit zu essen, ist die Rentnerin Semiha Ilgaz in den in Deutschland verbrachten Jahren abgerückt. „Ich liebe Abendbrot“, sagt sie und lächelt. Sie zeigt auf eine abgewandelte Variante der deutschen Gepflogenheit: mit Schafskäse belegte Brote. Dazu gibt es türkischen Tee.

Informationen im Internet unter www.berlin.de/sen/soziales/vertraege/liga/migrantensozialdienste.html#standorte

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