Fankultur : Klatschpappen nerven!

In Handball, Basketball, Volleyball hat sich die Klatschpappe zu einem nervtötenden Begleiter entwickelt. Auf den Rängen herrscht lärmende Monotonie. Ein Aufruf für eine kreativere Fankultur.

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Nervtöter. Die Klatschpappe ist bei Fans von Eishockey, Handball, Volleyball zu einer wahren Plage geworden.
Nervtöter. Die Klatschpappe ist bei Fans von Eishockey, Handball, Volleyball zu einer wahren Plage geworden.Foto: Mike Wolff

Neulich war ich mit einem Praktikanten aus unserer Sportredaktion unterwegs, wir besuchten ein Handball-Spiel. Auf dem Weg dorthin notierte Kollege Sean, er kommt aus den USA, fleißig neue Vokabeln in sein Heftchen. „Was ist das denn?“, fragte er beim Betreten der Halle und deutete auf die Sitzplätze. Da lag sie also, in tausendfacher Ausführung, akkurat in Fächerform gefaltet: die Klatschpappe. Ab damit ins Vokabelheft, weiter im Fragenkatalog. Woher kommt das? Wie bedient man das Teil? Und überhaupt, was soll das eigentlich? Sean konnte es nicht verstehen, vielleicht wollte er auch gar nicht. Trotz ausführlicher Vorführung.

Nun steht der amerikanische Durchschnittssportfan nicht gerade im Verdacht überbordender Kreativität. Trotzdem konnte ich Sean s Kritik nachvollziehen. In den populären Sportarten abseits des Fußballs hat sich die Klatschpappe zu einem ebenso ständigen wie nervtötenden Begleiter entwickelt, das gilt für die Hallen der Republik im Allgemeinen und für Berlins Sportstätten im Speziellen – und wird sich auch jetzt nicht ändern, da die neue Saison in fast allen Sportarten wieder begonnen hat oder demnächst beginnt. Im Gegenteil. Wer in den letzten Jahren ein Heimspiel der Eisbären, Volleys, Füchse oder von Alba Berlin besucht hat, wird ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Ein künstlich hoher Lautstärkepegel soll das Live-Erlebnis steigern

Die Klatschpappe ist der legitime Nachfolger des furchtbarsten Stadiongesangs der 90er, 2000er und von heute: „Steht auf, wenn ihr wasauchimmer seid!“ Der Vater eines Freundes, ein begeisterter Sportfan, verweigert sich dem schon seit Jahren. Wenn der Gesang ertönt, bleibt er stur sitzen, Ohren auf Durchzug. Dummerweise ist mir unter den Klatschpappen-Enthusiasten noch kein vergleichbarer Widerständler untergekommen, es gibt nicht mal eine Online-Petition gegen die Nervtöter, dabei gibt es doch Online-Petitionen gegen alles und jeden.

Die Intention der Berliner Vereine ist offensichtlich: In einer Stadt mit einer Vielzahl ernst zu nehmender und sportlich erfolgreicher Bundesligisten müssen Handballer, Basketballer, Volleyballer und Eishockeyspieler um jeden Hallenbesucher buhlen, zumal sie alle paar Tage ein Heimspiel austragen. Da wollen die Klubs einen anständigen Rahmen anbieten, mit Maskottchen, Halbzeit-Gewinnspielen, musikalischer Bespaßung. Und dazu soll ein künstlich hochgeklatschter Lautstärkepegel die Erinnerung an das letzte Hallenerlebnis möglichst lange konservieren. Tatsächlich aber erzielen die Vereine mit ihrem geradezu sozialistisch vereinheitlichten Programm den gegenteiligen Effekt. Abgesehen von Spielzeit und Regelbuch gilt: Herzlich willkommen in der Monotonie!

Früher war im Stadion noch Einfallsreichtum gefragt

Mein Interesse am Sport ist als kleiner Junge von meinem Großvater geweckt worden, regelmäßig fuhren wir in der Nachwendezeit zum Fußball oder Handball. Damals, Jahre vor Erfindung der Klatschpappe, war noch Einfallsreichtum gefragt beim Gang ins Stadion oder in die Halle. Ich erinnere mich, wie wir gemeinsam die Nähte von Hammer und Sichel aus den DDR-Fahnen entfernten, die im großväterlichen Keller vorrätig waren. Anschließend malten wir mit Edding „Hansa Rostock“, „SC Magdeburg“, „Stefan Beinlich“ oder „Stefan Kretzschmar“ drauf, und ich schleppte die Fahne stolz mit ins Stadion. Auch unsere Krachmacher waren oft Marke Eigenbau. Einmal konstruierten wir einen extremen Krawallmacher aus mehreren Nebelhörnern, der das Gas auf Knopfdruck aus allen Rohren trieb und für erhöhte Tinnitus-Gefahr sorgte. Oder meine erste Tröte: Leihstück von der Freiwilligen Feuerwehr meines Heimatortes. Hauptsache auffallen, sich abheben.

Neulich habe ich gemeinsam mit meinem Großvater den Keller entrümpelt, dabei sind wir auf all die schönen Fan-Utensilien gestoßen, auch die geliehene Tröte lag noch da (ups...). Der Tag ist mir als wunderbare Zeitreise in Erinnerung geblieben, Opa erzählte stundenlang Geschichten von damals. Und ich trage seither einen Wunsch mit mir herum: dass meine Kinder oder Enkel eines Tages keine vorgefertigten Klatschpappen in meinem Keller finden, sondern nostalgisch wertvolle Zeugnisse echten Fantums.

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