Berlin : Farbenrausch am Wannsee

Alles so schön bunt hier: In nur einem Jahr wurde die Sommervilla Max Liebermanns zum Besuchermagneten

Andreas Conrad

Tomaten gibt es noch keine, und für die Erdbeeren ist es wohl zu spät, obwohl sich an den neuen Pflanzen schon weiße Blüten zeigen. Mund und Magen, für die Max Liebermann seinen Wannsee-Garten doch auch angelegt hatte, kommen noch etwas zu kurz, das Auge aber darf umso mehr schwelgen.

Vor Jahresfrist, als die Max-Liebermann-Gesellschaft in die Villa des Malers an der Colomierstraße 3 einzog, war der auf so vielen Gemälden festgehaltene Farbenrausch des Gartens restlos verschwunden. Vor dem Gebäude herrschte gärtnerische Tristesse, so dass die neuen Nutzer rasch ein Modellbeet anlegten und Fototafeln aufstellten, um eine Ahnung zu vermitteln von der Pracht der Vergangenheit – und der Zukunft. Die hat bereits begonnen, fein abgezirkelt mit metallenen Rasenkanten, üppig blühend in den Blumenbeeten, und sogar die Liebermannsche Gemüseecke gibt es schon. Auch der im Frühjahr rekonstruierte Birkenhain zwischen Terrasse und Wannseeufer hat den trockenen Sommer gut überstanden. So ist es nur eine Frage der Zeit und der Mittel, dass weitere Lücken in dem Gartenkunstwerk geschlossen werden. Nur die Rekonstruktion der drei Heckengärten, die Liebermann als „grüne Zimmer“ links der großen Rasenfläche auf der Wannsee-Seite anlegen ließ, ist noch immer offen. Ein großer Teil der Hainbuchen war vor Jahren für den Zufahrtsweg eines benachbarten Wassersportclubs gerodet worden. Bislang warb die Liebermann-Gesellschaft vergeblich für eine andere Lösung, die den Heckengärten wieder Platz schüfe.

Der Verein mit seinem Vorsitzenden Rolf Budde kann hochzufrieden auf sein erstes Wannsee-Jahr zurückblicken, feiert dies heute Abend mit einem Sommerfest für die Mitglieder, deren Zahl von 250 auf 600 stieg. Fast 25 000 Besucher hat die 1909 von Liebermann gebaute Sommervilla seit September 2002 angelockt, obwohl anfangs im Garten noch nicht viel zu sehen war und das Innere im Wechsel der unterschiedlichen Nutzungen arg gelitten hatte. Letzteres habe die meist hochinteressierten Besucher gar nicht mal gestört, erzählt Budde. So entschloss man sich, die Restaurierung erst außen zu beginnen, dem Haus mit dem Staudengarten seine Visitenkarte zurückzugeben. Im Herbst geht es ans Gebäude: Das Dach wird mit neu gedeckt, Heizung und die anderen Installationen erhalten üblichen Standard, immer Schritt für Schritt, wie Geld da ist.

2,8 Millionen Euro sollen die Restaurierung von Haus und Garten kosten. 700 000 Euro kamen von der Lotto-Stiftung, 400 000 Euro von der Stiftung Denkmalschutz, jeweils 150 000 Euro von der Reemtsma-Stiftung und dem kunstliebenden Industriellen Reinhold Würth. Hinzu kamen viele kleinere Spenden und Eigenleistungen der Mitglieder. 700 000 Euro fehlen noch, Budde hat einige Vorstellungen, wie das zu beheben wäre. Zum Beispiel durch den „Verkauf“ von Dachziegeln, die dann, auf der Rückseite mit dem Namen des Spenders versehen, verbaut werden. Oder mit Räumen, die Sponsoren angeboten werden: Ihr Geld wird nur dafür verwendet, und sie erhalten dort eine Plakette. Für die Besucher hängt am Eingang eine Liste, was man so braucht und wie viel es kostet: Von sechs Brombeersträuchern für 15 Euro bis zu zwölf Linden für 1900 Euro.

Auch die Landesdenkmalpflege hilft bei der Restaurierung, trotz knapper Kassen. Ihr Augenmerk gilt besonders dem Wandgemälde, das auf der Wannsee-Seite in der Loggia aufgetaucht ist. Seit Mai sitzt das Restaurierungsatelier Rolf-Gerhard Ernst daran, muss sich durch bis zu 14 Schichten von Putz und Grundierung und Wandfarbe kratzen, um an das einzige Wandbild Liebermanns zu gelangen. Es zeigt, nach dem Vorbild einer Wandmalerei in der römischen Villa Livia, eine idyllische Landschaft. Ein großer Baum wurde bereits freigelegt, noch verschleiert von Putz, aber das kriegt man hin, da sind sich die Restauratoren Karl-Werner Bachmann und Dietrich Stalmann sicher. Nur an einer Stelle endet ihre Kunst: dort, wo frühere Nutzer in das Gemälde ein großes rechteckiges Loch geschlagen hatten – für eine längst wieder zugemauerte Tür.

Liebermann-Villa, Colomierstr. 3 in Wannsee, geöffnet freitags 14 bis 18 Uhr, sonnabends, sonntags und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr. Haus und Garten sind auch Thema des neuen Buches „Zurück am Wannsee. Max Liebermanns Sommerhaus“. Transit Buchverlag, Berlin. 128 Seiten, 14,80 Euro

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