Berlin : Fast schon überm Berg

Helmut Schröter war 70 und noch sportlich. Dann kamen die Schmerzen. Demnächst soll er wieder wandern können – er hat eine künstliche Hüfte. Die Ärzte machen ihm Mut, die Operation gilt heute als Standard-Eingriff. Allerdings gibt es sehr unterschiedliche Techniken. Einige sind umstritten

Marc Neller

Früher ist Helmut Schröter Radrennen gefahren und Marathon gelaufen. Bis vor eineinhalb Jahren ist er im Sommer zum Wandern in die Berge gefahren und im Winter in den Harz zum Skilanglauf.

Aus dieser Zeit sind ihm Erinnerungen geblieben, seine drahtige Figur und die Angewohnheit, zum Abendbrot nur etwas zu trinken. An Sport aber war zuletzt nicht mehr zu denken. Es gab Tage, an denen er es kaum geschafft hat, seine Schuhe alleine anzuziehen. „Schmerzen in der linken Hüfte“, sagt Schröter knapp. Er will ja nicht jammern. Er ist 72, wirkt aber jünger, das weiß er. Jetzt, da er im Krankenhaus liegt und nicht aufstehen kann, könnte er sich alt vorkommen. Aber das tut er nicht. Er ist Sportler. Sportler blicken nach vorn.

Das tut der Arzt, der ihn operiert hat, auch. Er sagt, Schröter werde in absehbarer Zeit wieder wandern können, schmerzfrei. Denn er hat jetzt ein künstliches Hüftgelenk. Der Knorpel war abgenutzt, die Knochen im Gelenk rieben aufeinander. Daher die Schmerzen und die Unbeweglichkeit des linken Beins. Ein künstliches Hüftgelenk einzusetzen, bereitet einem erfahrenen Chirurgen keine schlaflosen Nächte. Die Operation gilt als Standard. Über 4000 Mal wird sie jährlich in Berlin vorgenommen.

Den meisten Patienten ging es wie Schröter. Ihre Gelenkknorpel waren verschlissen. Die Gründe sind: krankhafter Knorpelschwund, dessen Ursachen weitgehend unbekannt sind. Rheuma oder stoffwechselbedingte Durchblutungsstörungen. Manchmal eine angeborene Fehlstellung, manchmal eine, die auf einen Unfall zurückgeht. Die Krankengeschichten ähneln sich: Die Strecken, die die Patienten gehen können ohne zu leiden, werden immer kürzer. Irgendwann schmerzt die Hüfte selbst, wenn sie sich nicht bewegen.

Eine Operation ist der letzte Ausweg. Wenn Physiotherapie, Packungen, Bäder, Schmerzmittel oder entzündungshemmende Medikamente nicht mehr anschlagen.Vor drei Wochen entschied sich Schröter für die OP. Der Orthopäde überwies ihn ins Evangelische Waldkrankenhaus in Spandau. Die Klinik hat mit derlei Eingriffen viel Erfahrung. Angst, sagt Schröter, habe er keine gehabt. „Eher eine Beklemmung.“ Er wusste, was mit ihm passiert. Ein Arzt hat es ihm erklärt.

Ein Freitagmorgen. Herr Zenk*, Anfang 60, liegt auf einem OP-Tisch im zweiten Stock des Waldkrankenhauses. Zenk wird ein künstliches Gelenk bekommen. Stephan Albrecht, 39, ein kräftiger Mann mit jugendlichem Gesicht, Oberarzt der orthopädischen Abteilung, ist der Operateur. Mit dem Skalpell öffnet er Haut, Fettschicht, die Muskelhülle. Der erste Assistent hält mit einem Metallhaken die Muskelstränge zur Seite, damit Albrecht Platz hat zu arbeiten.

Albrecht hat Zenks Gelenk freigelegt. Es muss ausgekugelt werden. Die beiden Assistenten drehen das Bein, bis der Kopf des Oberschenkelknochens aus der Gelenkpfanne springt. Albrecht sägt den Gelenkkopf ab, dann ersetzt er die Hüftpfanne in Zenks Becken durch eine metallene. Die Position der Pfanne muss exakt sein. „Damit der Patient das Bein später optimal bewegen kann und nicht ein Bein kürzer ist als das andere.“ Die Position der Pfanne, Art, Länge und Größe der Prothese werden vor der Operation festgelegt. Der Arzt erstellt mit Hilfe von Schablonen und Röntgenbildern einen Plan.

Albrecht passt die Hüftpfanne ein. Dann bearbeitet er den Oberschenkelknochen. Spezialfräse, Kastenmeißel, Rundfeile. Als der Hohlraum im Markkanal groß genug ist, schlägt er mit Hammer und Meißel eine Probeprothese ein. Am Klang, sagt Albrecht, könne man hören, ob die Prothese sitzt. Wenn die Schläge sehr hell klingen, ist sie fest. Röntgenaufnahmen: die zweite Kontrolle, ob die Probeprothese sitzt. Dann tauscht Albrecht sie gegen die endgültige aus. Herr Zenk hat künftig einen 15 Zentimeter langen Schaft im Oberschenkel. Titan, zementfrei. „Die Prothese soll einwachsen“, sagt Albrecht, „daher benutzen wir bei Hüftoperationen keinen Zement.“

Alt und neu: Die Operationstechniken sind im Waldkrankenhaus auf dem neuesten Stand. „Aber wir benutzen nur Prothesen, die seit 15 Jahren auf dem Markt sind und gute Ergebnisse in Langzeitstudien haben“, sagt Albrecht. Nicht nur die Wahl der Prothese hängt von Erfahrung ab, sondern auch die Technik des Operateurs. Die orthopädischen Chirurgen wenden verschiedene minimal-invasive Techniken an. Da sie noch recht jung sind und Daten nur für vergleichsweise wenige Patienten vorliegen, ist nicht endgültig geklärt, ob alle diese Operationsverfahren bessere Ergebnisse bringen. „Die Zukunft gehört den minimal-invasiven Methoden“, glaubt Wolfgang Noack, Chefarzt der Orthopädie im Waldkrankenhaus.

Eine Technik, die in bisher nur in wenigen Kliniken angewendet wird, ist der so genannte Oberflächenersatz. Anders als bei einer konservativen Operation wird der Oberschenkelkopf nicht abgesägt, sondern mit einer Kappe aus Metall überkront – ähnlich wie bei einer Zahnkrone. Die Hüftpfanne wird mit einer dünnen Metallschale ausgekleidet. Der Vorteil, den die Protagonisten dieser Technik versprechen: dass die Patienten wieder Leistungssport treiben, Squash spielen oder als Judoka auf der Matte stehen können.

„Inzwischen operieren wir neun von zehn Patienten auf diese Weise“, sagt etwa Michael Faensen. Er leitet ein auf dieses Verfahren spezialisiertes Zentrum, das die DRK-Kliniken am Standort Westend eingerichtet haben. Allerdings eignet sich der Oberflächenersatz nicht für alle Patienten. Menschen mit labilen Knochen würden Brüche riskieren. Zudem bemängeln Kritiker, es gebe noch keine belastbaren Langzeitstudien, die den Vorteil des Oberflächenersatzes belegten. Dagegen sagt Faensen: „ Die Materialprobleme der Vorgängermodelle der siebziger und achtziger Jahre spielen keine Rolle mehr.“ Auch das ist nicht unumstritten. Und Fachleute wie Noack sagen, dass „Sport auch mit einer guten gewöhnlichen Prothese möglich ist.“ Gleich, welches Implantat ein Arzt wählt, es muss sehr hohe Belastungen aushalten .

Berlin, Bezirk Tempelhof, ein Ensemble aus Industriebauten am Hafen, gegenüber das Ullsteinhaus. Hier wird an der idealen Form gearbeitet, die Biomechanik eines natürlichen Gelenkes möglichst perfekt nachzuahmen. Hier sitzt die Firma aap, ein mittelständisches Unternehmen, das Endoprothesen – künstliche Gelenke – herstellt. In der Werkhalle bearbeitet eine elektronisch gesteuerte Fräse einen Metallrohling, aus dem einmal ein ähnliches Prothesenteil werden soll, wie es Herr Schröter oder Herr Zenk nun im Körper tragen. Fräsen, drehen, schleifen, polieren, Qualitätskontrolle. Die Ergebnisse müssen 30 Jahre aufgehoben werden – falls es juristischen Streit zum Beispiel gibt über die richtige Implantation oder über die Lebensdauer einer Prothese. Ein Archivraum ist prall gefüllt mit Regalmetern voller Aktenordner. Die Prothesen müssen von einer Prüfstelle zertifiziert sein. Eine gibt es an der Technischen Universität Berlin.

Über solche Dinge macht sich Helmut Schröter keine Gedanken. Er plant schon wieder. Eine Wandertour auf Usedom, im Spätsommer. *Name geändert

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