Berlin : Fechten: Der Adrenalinkick auf der Planche

Ingo Wolff

Auf den ersten Blick wirkt das Fechttraining chaotisch. Kinder toben durch die Halle, spielen mit Bällen und rennen munter über die Kabel, die die Duellierenden mit den Trefferlampen an der Wand verbinden. Zwischendrin schlagen immer wieder Klingen gegeneinander und machen ein schepperndes Geräusch wie aus einem Mantel- und Degenfilm.

Es sieht ziemlich gefährlich aus, doch Adam Robak behält die Ruhe. Der Fechttrainer des Olympischen Sportclubs Berlin sagt, dass Fechten absolut ungefährlich ist. Er ist für die Jugendfechter des OSC nicht nur der Trainer, sondern zudem eine Vaterfigur. Seine lieben Worte muntern die kleinen Musketiere wieder auf, wenn sie tränenüberströmt nach einem Duell als Verlierer dastehen oder sie nach etlichen misslungen Versuchen enttäuscht von der Planche trotten, dem "Spielfeld" beim Fechten.

"Die Kinder verehren Adam", sagt seine Lebensgefährtin Beate Blindow, die das Fechten beim OSC managt. Das scheint für die kleinen Fechter notwenig, denn nur so ist die Tortur des Fechtenlernens überhaupt zu überstehen. "Fechten lernen ist langweilig", sagt Marketingfachfrau Blindow und da das ideale Einstiegsalter acht Jahre ist, lässt sich schwer vorstellen, wie Kinder für diesen Sport motiviert werden können. Trotzdem toben viele Kids durch die Halle, einige sehen sogar jünger als acht aus. Das wirkt dann komisch, wenn das Florett - die Waffe mit der alle Anfänger ausschließlich beginnen - nur unwesentlich kürzer ist, als der dazugehörige Mensch.

Zunächst lernen alle das Gleiche. "Ich sollte mich beim ersten Training nur im Grundschritt die Linie auf- und abbewegen", erinnert sich Blindow an ihre Anfänge. "Das war die ersten Minuten noch ganz lustig, aber irgendwann wurde das eintönig. Erst zum Ende des Trainings durfte ich als Höhepunkt einige Male mit dem Florett gegen die Wand stechen." Kinder sind deshalb schwer beim Fechten zu halten. Viel zu mühsam müssen die ersten Bewegungen erlernt werden. Das verlangt viel Ausdauer bei den Kleinen, die eher durch schnelle Erfolge zu begeistern sind. Von zehn Anfängern bleibt einer dabei.

Einfacher ist es bei älteren Einsteigern. Vor allem Studenten nutzen den Einstieg über das Theaterfechten. Auch dort wird eine solide Grundtechnik verlangt, deren Erlernen ebenfalls einige Monate bis Jahre in Anspruch nimmt. Im Gegensatz zum Sportfechten wird hier aber nicht gegen, sondern miteinander gefochten. Wichtig ist das Klingenspiel, wirkungsvoll besonders im Klang. Beim so genannten Epochenfechten werden verschiedene Waffen benutzt und in unterschiedlichen Stilen angewandt. Dazu stellen sich die Fechter kunstvolle Kostüme selber her.

Die Voraussetzungen sind aber immer die Gleichen. "Du brauchst schnelle Beine", sagt Robak. "und du musst zuhören. Es ist wie in der Fahrschule." Mit Waffen könne man von Natur aus nicht umgehen, erklärt Robak, erst müsse man die Bewegung verstehen lernen. "Schuhe an und los, das geht nicht." Robak muss es wissen. Er wurde 1978 mit der polnischen Florettmannschaft Weltmeister und gewann 1980 sogar die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen. Doch Adam Robak beschränkt sich nicht nur auf den Nachwuchs und Theaterfechter. Er betreut neuerdings auch zwei behinderte Fechter im OSC.

Fast alle Fechter hier haben dasselbe Motiv. "Es macht Spaß etwas zu schaffen", sagt der 18-jährige Ingvar Kraatz. Kraatz ist ein Talent, hat sich die komplizierte Technik mit Liebe angeeignet. Der Junge habe schon mit zehn Jahren frühmorgens Adam Robak geweckt und nach der nächsten Trainingsstunde gefragt, erzählt Beate Blindow. Ausdauer und Willensstärke sind zwei wichtige Eigenschaften guter Fechter. Genauso wie Mut und Ehrgeiz.

Keiner will hier den Gegners demütigen. Aber gewinnen wollen sie trotzdem alle und der oder die Beste sein. "Der Adrenalinkick auf der Planche macht einfach Spaß", sagt Shririne Issa. Verlieren mag die dreifache Berliner Jugendmeisterin nicht. Wie sie zum Fechten gekommen ist? Das weiß die 13-Jährige gar nicht mehr. Nur dass sie entweder Fußball spielen oder fechten wollte. Sie hat sich für das Außergewöhnliche entschieden. Wie Ingvar Kraatz. "Das macht nicht jeder", sagt er stolz. Dann zieht er sich um. Morgen ist wieder Training.

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