Berlin : Feinripp und Fertigpizza: Nachrichten aus Neukölln

Ein neues Stadtteilbuch aus dem Verbrecher Verlag ist erschienen

Oda Tischewski

Das Neukölln des „Titanic“-Autors Christian Y. Schmidt sieht aus wie die etwas muffige Wohnung in der Reuterstraße mit Ofenheizung und Balkon, die nach nicht gegossener Blumenerde, zu feuchter Bettwäsche und altem Kaffeesud riecht. Vor dem Fenster spielen „türkische Kinder Abstechen und Erschießen auf dem Kopfsteinpflaster“, Frankfurt am Main, die Ex-Frau und die Altbauwohnung mit Parkett sind weit weg. Neukölln strahlt eine „entschlossene Ehrgeizlosigkeit“ aus, die beruhigt.

1998 verschlägt der Wunsch nach einem Tapetenwechsel und der Wohnungstausch mit einer Sinologin Schmidt hierher. „Desolat, ein bisschen öde, am äußersten Rand der Galaxis gelegen – das dringend benötigte Sedativ“, so sein ersten Eindruck. Er ist bereit, sich dieser Umgebung anzupassen, im Feinrippunterhemd auf dem Balkon zu sitzen und sich von Bier und Fertigpizza zu ernähren.

Schmidts Erzählung „Sha Ka Re“ ist eine Geschichte aus dem im Dezember erscheinenden „Neuköllnbuch“ des Kreuzberger Verbrecher Verlages. Viele Geschichten sind nicht so typisch für Neukölln wie Schmidts – und gerade das ist die Idee dieser Buchreihe über Berliner Stadtteile. Entstanden sind mit dem „Mittebuch“, dem „Kreuzbergbuch“ und eben, als bislang letztes der Reihe, dem „Neuköllnbuch" keine literarischen Stadtführer, sondern sehr persönliche Portraits dieser Berliner Bezirke.

Autoren wie Tanja Dückers und Peter O. Chotjewitz oder der soeben zitierte Satiriker Christian Y. Schmidt und Zeichner wie OL – Besucher wie gegenwärtige oder ehemalige Einwohner Neuköllns – schildern ihre Beobachtungen und Erfahrungen, beschreiben nüchtern einen Straßenzug, erzählen eine Anekdote aus ihrem Leben in diesem Bezirk oder zeichnen ihre Geschichte in einem Comic. Es geht ihnen dabei nicht darum, Neukölln als schön oder hässlich, gut oder schlecht zu werten, es entstehen Erlebnisbilder, persönliche Einsichten, in denen der Leser eventuell seine eigenen wiederfindet.

Während das „Kreuzbergbuch“, im vergangenen Jahr veröffentlicht, die unruhigen Achtziger- und Neunzigerjahre umfasst und das „Mittebuch“, das Anfang diesen Jahres erschien, unter dem Eindruck von Aufstieg und Fall des Start-Up-Booms entstand, ist nun eine weitere Facette Berlins in den Blickpunkt gerückt worden. Neukölln, grob und unattraktiv, abseits von Szene-Kneipen und Trend-Läden, eine Symbol für das andere Berliner Gesicht, jenes Image, das im „Neuköllnbuch“ hinterfragt – und teilweise widerlegt – wird.

Wie in den beiden vorangegangenen Publikationen der Reihe spielt auch in diesem Buch der zeitliche Aspekt eine wichtige Rolle, beschreiben die Texte und Bilder einen Berliner Bezirk im Wandel und werden damit zum Zeitdokument: So kann es gewesen sein, das Neukölln der vergangenen zehn Jahre.

Nach dem Erfolg ihrer Stadtteilbücher planen Werner Labisch und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag nun weitere Veröffentlichungen nach diesem Muster. Und zwar nicht nur über Bezirke. Die Berliner Verleger expandieren: Vor ihrem Erscheinen stehen das „Bielefeldbuch“ und das „Marburgbuch“.

Christian Y. Schmidt übrigens lebt mittlerweile in Singapur – ausschlaggebend für den Ortswechsel war unter anderem seine Zeit in Neukölln.

Verena Sarah Diehl, Jörg Sundermeier, Werner Labisch (Herausgeber): „Neuköllnbuch“, erschienen im Dezember 2003 im Verbrecher Verlag, Berlin 160 Seiten, 12,20 Euro, erhältlich in gut sortierten Buchhandlungen.

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