Berlin : Feinstaub? – „Vollkommener Blödsinn“

An der Silbersteinstraße ist die Belastung in Berlin am höchsten. Manchen Anwohner stört das wenig

Thomas Loy

Gerlinde Breninek steht in ihrer Ladentür und genießt die Sonne. „Feinstaub ist doch überall, oder?“ Dass die Silbersteinstraße zu den am schlimmsten belasteten Straßen in Deutschland gehört, kann sie nicht wirklich aus der Ruhe bringen. Frau Breninek ist erst vor drei Jahren hierher gezogen, wegen der günstigen Büroräume für ihren Schreibservice-Laden. Ans Wegziehen will sie nicht denken.

Vor Jahren war die Silbersteinstraße eine der verkehrsreichsten Straßen der Stadt. Die Grenzwerte für Lärm wurden regelmäßig überschritten. Dann wurde die Stadtautobahn parallel zur Silbersteinstraße verlängert, und es wurde besser. An Feinstaub dachte da noch niemand. Inzwischen gibt es dafür aber einen EU-Grenzwert – und der wurde in diesem Jahr bereits an 39 Tagen überschritten. Heute will die Senatsverwaltung für Verkehr das Ergebnis einer Verkehrszählung und etwaige Konsequenzen bekannt geben.

Die Messstation, die unter anderem die Feinstaubwerte ermittelt, steht direkt an der Kreuzung zur ebenfalls viel befahrenen Karl-Marx-Straße. Das sei eben eine ungünstige Stelle, gibt Frau Breninek zu bedenken. Da würden die Auspuffgase beim Anfahren ja direkt in die Messsonden geblasen. Auch Monika, die Chefin vom „Erotic-Flair“, kümmert der Feinstaub nicht: „Das ist doch vollkommener Blödsinn.“ Sie fühlt sich eher vom Straßenmüll gestört, von der zunehmenden „Rücksichtslosigkeit“ der Leute im Kiez und dem wachsenden Migrantenanteil. Deshalb wird sie ihren Laden demnächst nach Hennigsdorf verlegen.

Auffallend ist, dass viele Geschäfte um die Messstation herum geschlossen haben. Schlecker hat dichtgemacht, ein Autoteile-Laden ist zu, der Asia-Shop zu vermieten, ein Zeitschriftenkiosk steht zum Verkauf, ein Sportpokal-Laden ist an den Buckower Damm gezogen. Eine Messstation für sozialen Niedergang würde hier auch ständig das Überschreiten der zulässigen Grenzwerte anzeigen.

Andreas Tietz in der Kneipe „Zur Ecke“ will den Standort Silbersteinstraße noch nicht aufgeben. Das Geschäft laufe wegen der vielen Arbeitslosen zwar schlechter, aber Tietz lockt mit „Hartz-IV-Bier“, der halbe Liter für 90 Cent. Feinstaub? „Mich stört das nicht.“ Verkehrslärm? „Ich bin Großstadtmensch.“ In Rotphasen staut sich der Verkehr manchmal bis zur Hermannstraße, aber zwischen den Autos stehen weniger Laster als früher. „Es hat sich entspannt mit dem Verkehr“, sagt ein Mann, der zum Einkaufen schlendert. Der Chef vom „Kfz-Service“ erinnert sich an seinen „schwarzen Balkon“, als er noch in der Silbersteinstraße wohnte. Dann zog er weg – nicht wegen des Verkehrs, sondern wegen der Freundin.

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