Berlin : Fernweh am Bahnhof Zoo

Hier irrt der Bahnchef: Die Station war schon immer Haltepunkt für Fernzüge von und nach Berlin

Klaus Kurpjuweit

Bahnchef Hartmut Mehdorn bleibt hart – und nicht ganz bei der Wahrheit. Dass am Bahnhof Zoo nach der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs Ende Mai 2006 keine Fernzüge mehr halten werden, begründete Mehdorn jetzt erneut damit, der Bahnhof Zoo sei „schon immer als Regionalbahnhof“ angelegt gewesen. Die jetzige Aufregung um den künftig 3,9 Kilometer langen Fahrweg für „einige Fernreisende“ zwischen Zoo und Hauptbahnhof sei für ihn nicht nachvollziehbar, so der Bahnchef. Zurzeit werden weiter Unterschriften für einen Halt der Fernzüge im Bahnhof Zoo gesammelt.

Die Station war zwar 1882 mit dem Bau der Stadtbahn zwischen Schlesischem Bahnhof (heute Ostbahnhof) und Charlottenburg als Bahnhof für den Vorortverkehr eröffnet worden. Doch schon zwei Jahre später erhielt er auch einen Bahnsteig für die Fernzüge. „Die Planer verfolgten damals das Ziel, möglichst vielen Kunden möglichst kurze Wege zu den Zügen anzubieten“, sagt der Eisenbahnhistoriker Alfred Gottwaldt, der im Deutschen Technikmuseum die Bahnabteilung leitet. So war die Stadtbahn als in die Länge gezogener Hauptbahnhof für Berlin konzipiert worden – mit den Stationen Schlesischer Bahnhof, Alexanderplatz, Friedrichstraße, Zoo und Charlottenburg.

Obwohl Berlin 1939, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, auch noch fünf Kopfbahnhöfe hatte, lag die Stadtbahn mit ihren Zwischenbahnhöfen bei der Zahl der Züge an der Spitze – gemeinsam mit dem Anhalter Bahnhof. Von 259 Fernzügen, die täglich Berlin verließen, fuhren je 73 über die Stadtbahn oder vom Anhalter Bahnhof ab. Der Stettiner Bahnhof verzeichnete 52 Fernzüge, der Lehrter Bahnhof 28, der Potsdamer Bahnhof 19 und der Görlitzer Bahnhof nur 14.

Auf der Stadtbahn hielten nur die so genannten Luxus- und Fern-D-Züge nicht auf den Stationen Alexanderplatz und Charlottenburg. In den anderen Bahnhöfen – Schlesischer Bahnhof, Friedrichstraße und auch Zoo stoppten dagegen alle Fernzüge, auch die damals modernsten der Reichsbahn, die ihr ganzer Stolz waren. So fuhr der „Fliegende Hamburger“ zwar am Lehrter Bahnhof ab, doch der „Fliegende Kölner“ verließ Berlin über die Stadtbahn – mit Halt im Bahnhof Zoo. Auch der Luxuszug „Nord-Express von Warschau nach Brüssel und Calais, wo es Fähranschluss Richtung London gab, stoppte im Bahnhof Zoo.

Diese Aufteilung der Haltepunkte in der gesamten Stadt war ursprünglich auch im so genannten Pilzkonzept vorgesehen, das die Bahn, der Bund und der Senat 1992 vereinbart hatten. Der Ost-West-Verkehr sollte über die Stadtbahn führen, die Nord-Süd-Verbindungen durch den Tunnel.

Jetzt versucht die Bahn, auch den auf der Stadtbahn vorgesehenen Verkehr in den Tunnel zu lenken. So sollen von Ende 2006 an auch die im nächsten Mai noch auf der Stadtbahn bleibenden Züge nach Frankfurt (Main) den unterirdischen Nord-Süd-Weg nehmen – mit Halt im neuen Bahnhof Südkreuz (Papestraße), Hauptbahnhof und vielleicht Spandau.

Die Bahn muss den teuer gebauten neuen Hauptbahnhof füllen. 240 000 Besucher pro Tag hatten die Planer einst prognostiziert, als man noch an den großen Aufschwung glaubte. Jetzt verspricht die Bahn den potenziellen Mietern der zahlreichen Geschäfte sogar 300 000 mögliche Kunden. Deshalb müssen neue Ideen gefunden werden. Am Bahnhof Zoo dafür Fernzüge nicht mehr halten, sondern durchfahren zu lassen, wäre der erfolgreichen Reichsbahn früher sicher nie eingefallen.

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