Berlin : Fest auf dem Boden des eigenen Gewissens

Der evangelische Bischof Kurt Scharf wäre Montag 100 geworden

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Einen der „markantesten Vertreter des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert“, hat Wolfgang Huber, der Bischof von BerlinBrandenburg, Kurt Scharf vor wenigen Wochen in dieser Zeitung genannt. Und eine Gestalt von herausragendem Format war dieser Kirchenmann mit dem kantigen Gesicht, dessen Geburtstag sich am Montag zum hundertsten Male jährt, in der Tat. Die Evangelische Kirche ehrt Scharf an diesem Sonntag mit einer Gedenkfeier, an der Bundespräsident Johannes Rau und Altbischof Albrecht Schönherr teilnehmen (Beginn 18 Uhr in der Französischen Kirche am Gendarmenmarkt).

Für gut drei Jahrzehnte, bis in die siebziger Jahre hinein, hat Kurt Scharf das kirchliche und das öffentliche Leben in der Bundesrepublik mitgeprägt – mit alttestamentarischer Unbeirrbarkeit und protestantischer Querköpfigkeit. Kein Mann theologischer Abstraktionen, sondern ein Gottesmann, der fest auf dem Boden seines an das Evangelium gebundenen Gewissens stand und von daher seinen beeindruckenden Freimut und seine Unangepasstheit bezog. Dahinter stand die Erfahrung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus; unter den Männern des Protestantismus, die sie als Verpflichtung zur Standhaftigkeit in die Nachkriegszeit hineintrugen, stand er in der ersten Reihe.

Scharf war da zunächst der Mann, mit dem sich das Ringen um die Einheit der evangelischen Kirche verband, als Vorsitzender ihres Rates von 1957 bis 1969 und, vor allem, als berlin-brandenburgischer Bischof von 1966 bis 1976. Als ihm zum Abschied aus dem Bischofsamt die Ernst-Reuter-Plakette, Berlins höchste Auszeichnung, verliehen wurde, sagte der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, der Name Kurt Scharf werde „in einer Kirchengeschichte der Stadt mehrere Absätze beanspruchen“.

In den sechziger und siebziger Jahren exponierte sich Scharf durch sein Verständnis politischer Diakonie. Vor allem diese seelsorgerliche Mit-Verantwortung für das öffentliche Leben – praktiziert etwa durch den berühmt-berüchtigten Gefängnisbesuch bei Ulrike Meinhof – hat ihn damals ins Zentrum der aktuellen Auseinandersetzungen gerückt. Rdh.

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