Festrede : Sarrazins Vision

Wie sieht Berlin im Jahr 2030 aus? Finanzsenator Thilo Sarrazin hat in die Zukunft geschaut – und ein Märchen geschrieben.

Sarrazin
Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin -Foto: dpa

Für seinen speziellen Humor ist Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) längst über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Als der Verein Berliner Wirtschaftsgespräche gestern sein zehnjähriges Bestehen feierte, war der Finanzsenator als Festredner eingeplant. Für das Thema „Berlin 2030“ hatte er diesmal nicht seine gefürchteten Folien zur Finanzlage der Stadt mitgebracht, sondern seine Fantasie spielen lassen. Auszüge aus Sarrazins „Märchenbericht aus dem Jahre 2030“:

„Bis 2030 sind es noch 22 Jahre, gar nicht so lang, sollte man denken. Aber konnte sich jemand im Jahre 1918 das Jahr 1940 vorstellen? War im Mai 1945 das Jahr 1967 vorstellbar? (…) Daher setzen wir uns jetzt in die Zeitmaschine, landen am 24. Mai 2030 in Berlin vor dem Fernseher und schalten um 19:30 Uhr die Abendschau an. Zur Info: Das Durchschnittsalter der Zuschauer ist auf 83,5 Jahre gestiegen, die durchschnittliche Sehbeteiligung wird geheim gehalten.

Nachrichtensprecherin Fatima Özal:

Guten Abend, meine Damen und Herren. Dem Berliner Helmholtz-Zentrum für systemische Biologie ist erneut eine sensationelle Entdeckung gelungen: Es hat das Berliner Meckergen entdeckt. Jeder Berliner Meckerer kann ab sofort, wenn er dies möchte, durch einen gentechnischen Eingriff von der Meckerneigung befreit werden. Durch einen kleinen Eingriff in die Keimbahn ist es künftig sogar möglich, Kinder zu haben, die ihr Leben lang gegen die Versuchung des berlintypischen Meckerns gefeit sind und stattdessen die Höflichkeit eines gut erzogenen Engländers besitzen. Diese Eigenschaften vererben sie auch weiter. (…).

Wir sprachen mit dem Leiter der Forschungsgruppe, Professor Ling Lang. Herr Professor Lang, wie kam es zu dieser Entdeckung?

Prof. Ling Lang: Wissen Sie, ich bin seit 10 Jahren in dieser Stadt: Nach meiner ersten Fahrt in einem Bus der BVG, meinem ersten Einkauf beim Bäcker und meinem ersten Besuch im Abgeordnetenhaus zur Zeit der mündlichen Fragestunde wusste ich, das kann kein Zufall sein. Unsere weiteren Forschungen zeigten dann, dass besondere Eigenschaften der Berliner Luft zu spontanen Mutationen bei Zellteilungen führen. Diese Mutationen werden dominant vererbt und führen zum Berliner Meckerprofil. Darum sind schon die Migranten der zweiten Generation genauso meckrig wie die Ur-Berliner.

Moderatorin: Was haben Sie denn nun genau entdeckt?

Prof. Ling Lang: Wir haben die Genom-Sequenzen von 10 000 besonders meckrigen Berlinern untersucht und dabei festgestellt, dass der DNA-Baustein, der für Bluthochdruck zuständig ist, in 9990 dieser 10 000 Fälle einen kleinen Höcker aufweist. Wird dieser kleine Höcker aus der DNA der Keimbahn entfernt, so wird der Nachwuchs vollständig meckerfrei (…).

Fatima Özal: Dieser erneute Berliner Forschungserfolg hat wie eine Bombe in Politik und Wirtschaft eingeschlagen. Wir sprachen darüber zunächst mit Finanzsenator Silberpfennig. Herr Senator, was bedeutet diese Erfindung für den Berliner Landeshaushalt?

Senator Silberpfennig: (…) Untersuchungen der Bildungsverwaltung haben bereits vor vielen Jahren ergeben, das 40 Prozent der Arbeitskapazitäten der Berliner Lehrer durch meckernde Eltern, verhaltensauffällige Schüler und unfreundliche Schulräte blockiert werden. Ich habe schon mit meinem Kollegen, Bildungssenator Naseweis gesprochen. Wenn, wie zu erwarten, in wenigen Jahren in Berlin nur noch entsprechend genetisch veränderte Kinder geboren werden, können wir die gleiche Bildungsleistung mit 40 Prozent weniger Lehrern erbringen. Noch sensationeller werden die Auswirkungen für die Justiz sein. Wir schätzen, dass allein die Mietrechtsstreitigkeiten, die 50 Prozent unserer Zivilprozesse ausmachen, zu 80 Prozent meckerbedingt sind, so dass wir die Zahl der Richter langfristig um 30 Prozent senken und auch den begleitenden Justizapparat einschließlich Gebäuden entsprechend herunterfahren können.

Moderatorin: Aber es gibt auch skeptische Stimmen. Wir sprachen mit Altbundeskanzler Wowereit im städtischen Altersheim Abendsonne. Herr Bundeskanzler, was halten Sie von der Aussicht, dass die künftig neugeborenen Berliner nicht mehr meckern werden?

Wowereit: Ich finde das nicht nur bedauerlich, weil das besondere Berliner Profil verloren gehen wird. Ich halte diese Entwicklung auch für die SPD für äußerst gefährlich. Wie Sie wissen, habe ich die Bundestagswahl 2013, die zur ersten rot-roten Bundesregierung führte, nur durch unseren klaren Vorsprung bei den Berliner Meckerern gewonnen. Das hat sich bei den Bundestagswahlen 2017, 2021 und 2025 wiederholt. Auch 2029 hätte ich es sicher noch einmal geschafft, wenn nicht die Meckerer an diesem besonders heißen Septembertag vorwiegend an Wannsee und Müggelsee geweilt hätten. Die Abschaffung des Meckerns wird einer gefährlichen Entpolitisierung Vorschub leisten und linke Mehrheiten strukturell unmöglich machen. (…)

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