FEZitty : Hier regiert die Zukunft

Beim Rollenspiel FEZitty können Schüler zwischen 750 Jobs wählen oder im Stadtrat Politik machen.

Marianna Mamonova
Parallelgesellschaft. Im Freizeitzentrum FEZ gibt es Banken und Jobcenter, ein Parlament und sogar organisiertes Glücksspiel. Foto: Uwe Steinert
Parallelgesellschaft. Im Freizeitzentrum FEZ gibt es Banken und Jobcenter, ein Parlament und sogar organisiertes Glücksspiel....Foto: uwe steinert

Bei der Jobagentur gibt es heute viel Unmut. Die zehnjährige Judith will unbedingt Schauspiel studieren. „Sorry, alle Plätze sind schon weg“, sagt der Berater an Schalter drei gelassen. Er schlägt ihr eine Tätigkeit als Theaterlehrerin vor. Aber Judith will nicht. „Ich muss es doch erst lernen, bevor ich unterrichten kann“, sagt sie trotzig. Der Berater zählt andere Berufe auf: Autorin, Masken- oder Bühnenbildnerin sind noch frei. Widerwillig entscheidet sie sich für das Dasein als Bühnenbildnerin.

Scheinbar noch schlimmer hat es den neunjährigen Robert getroffen. Er arbeitet gerade bei der BSR. „Alle Jobs waren schon weg“ sagt er. Lieblos schnappt er mit einer Zange nach Plastiktüten und zerknüllter Alufolie, die auf dem Boden rumliegen, und wirft sie in einen kleinen Mülleimer. Außerdem muss er die Mülltonnen leeren. Spaß sieht anders aus. „Länger als eine Stunde mache ich das nicht“, sagt Robert.

Judith und Robert sind Bürger von FEZitty, einer Spielstadt für Kinder. Zum sechsten Mal veranstaltet das FEZ in der Köpenicker Wuhlheide ein riesiges Rollenspiel für Kinder. Das FEZ ist das größte Kinder-, Jugend- und Familienzentrum in Berlin. Alle zwei Jahre können Kinder in ihren Sommerferien in FEZitty arbeiten und ihre Stadt selbst gestalten. 750 Arbeits- und Studienplätze vergibt das Jobcenter täglich. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Entlohnt werden die Kinder mit dem Spielgeld Wuhli, benannt nach der Wuhlheide. Das können sie in der Spielstadt auch gleich für Zirkusbesuche, Eisenbahnfahrten oder Essengehen im Mampfhafen ausgeben.

„Dass Kinder auch Arbeitsplätze annehmen, die sie nicht wollen, ist ganz normal“, erklärt der 13-jährige Tim. Er ist Politiker im Stadtrat und erfahrener Bürger von FEZitty. „Sie müssen Geld verdienen, damit sie sich hier was leisten können“, sagt er mit pädagogischer Miene. Manche kommen nur für ein Paar Stunden in die „Hauptstadt der Kinder“, andere verbringen die ganzen Ferien hier. Je mehr Zeit ein Kind in FEZitty verbringt, umso mehr kann es die Stadt selbst mit verändern. Wie in jeder echten Stadt gibt es auch hier eine Regierung, Medienhäuser und Banken.

Bürger werden in FEZitty kann man nur nach erbrachter Leistung: „Wer vier Stunden gearbeitet und vier Stunden studiert hat, bekommt ein rotes Bändchen mit der Aufschrift Stadtbürger“, sagt Volksvertreter Tim. Doch das ist gar nicht so leicht, wie es klingt. Bisher tragen gerade mal 22 Kinder dieses Bändchen um das Armgelenk. Beim vorigen Mal, vor zwei Jahren, haben von 40 000 „Arbeitern“ in sechs Wochen nur 100 Kinder die FEZitty-Stadtbürgerschaft erhalten. Warum es so wenige sind? Tim vermutet, das es am Pflichtstudium liegt. „Vier Stunden zu studieren fällt vielen Kindern schwer“, sagt er und zuckt verständnislos mit den Schultern. Aber wenn man sich durch das „harte Studium“ gequält habe, dann habe man hier in der Stadt viele Vorteile: Nur Stadtbürger dürfen ein Konto bei der Sparkasse eröffnen, ein eigenes Gewerbe anmelden und sich für die Wahl in die Regierung aufstellen lassen.

Wer sich anstrengt, kann hier auch richtig Karriere machen und Geld verdienen, so wie Stadtbürger Jonathan. Ihm gehören gleich zwei von sieben Unternehmen in der Stadt. Der elfjährige Geschäftsmann ist mit Abstand der erfolgreichste unter den Selbstständigen. In seinem Laden Ninety-Nine (99) verkauft er Lose. „Dass jemand im Spiel ,6 von 36‘ tatsächlich sechs Richtige hat, ist unwahrscheinlich“, erklärt Jonathan. „Das hat bis jetzt keiner geschafft.“ Trotzdem stehen die Kinder bei ihm Schlange, zu Jonathans Freude. „Mit Glückspiel lässt sich schnell viel Geld machen.“ Und er hat auch schon einen Plan, wie es weitergeht: Wenn er 2000 Wuhlis verdient hat, will er von den Zinsen leben. Er hat sich alles genau ausgerechnet: Die Sparkasse zahlt 1,5 Prozent Zinsen, und damit braucht er nicht mehr zu arbeiten. Sein zweites Unternehmen ist ein Sportgeräteverleih. „Das läuft auch ganz gut“, sagt er. Rollschuhe seien zurzeit sehr gefragt. Läuft alles nach Plan, will Jonathan bald beide Geschäfte verkaufen oder verschenken und als Straßenmusiker arbeiten, „nur zum Spaß“.

Angestellte bekommen in FEZitty fünf Wuhlis die Stunde. Einen davon behält die Stadt für Steuern. Doch der fixe Lohn gilt laut Regierungssprecher Tim nur für die staatlichen Jobs. „Privatunternehmen können die Stundenlöhne selbst festlegen“, sagt er. Er habe gehört, dass einige Kinder sogar für Dumpinglöhne arbeiten. „Schrecklich!“ Damit aus FEZitty keine Zockerstadt mit lauter glücksspielsüchtigen Kindern wird, hat die Regierung beschlossen, dass es jedes Gewerbe nur ein Mal geben darf. Die Lotterie von Jonathan wird deswegen die einzige ihrer Art bleiben. Mit dieser Vorgabe soll die Stadt „vielfältiger“ werden, so Tim.

Im Rathaus sitzen die Stadträte gerade über Akten und Anträgen. Doch zuerst müssen sie Probleme bewältigen: Immer wieder beschweren sich Kinder über die „prekären Zustände“ und dass fünf Wuhlis pro Stunde zu wenig seien. Ein Politiker macht kurzen Prozess. Mit einer wegwerfenden Handbewegung stellt er klar: „Mehr Geld gibt’s nicht.“ Basta. „Wir müssen genau kalkulieren“, sagt Tim, der für die Stadtentwicklung zuständig ist. Letztes Jahr war die Stadt sogar an einigen Tagen pleite. Zwar könne sich die Regierung Kredite nehmen, aber sie will sich nicht weiter verschulden. Die Politiker von FEZitty gingen sehr pragmatisch mit dem Mangel um. „Wir haben einfach kein Geld mehr ausgegeben“, sagt Tim. Und gewartet, bis die Steuern die Stadt wieder ins Plus bringen. Das ist auch sein Tipp für die echte Regierung von Angela Merkel: „Einen Tag lang kein Geld ausgeben.“

Tim ist Politiker geworden, weil er bereits vor zwei Jahren dabei war. „Aus Spaß“ hat er sich zum Stadtrat wählen lassen. Vorher hat er sich für Politik gar nicht interessiert. Heute schaut er jeden Abend Nachrichten. Politik findet er mittlerweile total spannend. Wenn es FEZitty nicht gäbe? „Dann würde ich den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen“, sagt der Dreizehnjährige. Bei der nächsten Spielstadt in zwei Jahren kann er nicht mehr mitmachen, dann ist er zu alt. „Ich habe aber schon einen Plan.“ Er will bei FEZitty als Betreuer arbeiten. Dann gibt es statt Wuhlis echtes Geld.

FEZitty, bis zum 28. August im FEZ Wuhlheide, Di-So: 11–18 Uhr und Sa 13–18 Uhr. Tagesticket 3 Euro. Mehr Informationen unter www.fez-berlin.de

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