Berlin : Fieberkurven aus dem Lagerlazarett

Mit Krankenakten, Verhörprotokollen und Familienfotos hilft das russische Militärarchiv bei der Aufklärung von Kriegsschicksalen

Amory Burchard

Einer geriet als Junge in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde Holzfäller in Weißrussland. Ein anderer suchte zeitlebens nach Spuren seines Vaters, der seit 1945 als in der Sowjetunion verschollen galt. Ihnen und vielen anderen Berlinern konnte auf der Suche nach der verlorenen Jugend, nach den Schicksalen ihrer Väter geholfen werden. Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, öffnete Moskau seine Archive. 700 Auskunftsersuchen habe er seit 1995 ans Militärarchiv weitergeleitet, sagt der Präsident der Liga für Russisch-Deutsche Freundschaft, Andrej Rumjanzew. Aber bestimmt gebe es in Deutschland noch sehr viel mehr Menschen, die endlich wissen wollen, was vor bald 60 Jahren geschah.

Rolf Linngott war der Junge, der im Dezember 1944 als 17-Jähriger Soldat wurde. Er kam an die westpreußische Front, um den Vormarsch der Roten Armee zu stoppen. Im März 1945 wurde er beim Kampf um die „Festung“ Graudenz verwundet und geriet gleich darauf in sowjetische Gefangenschaft. Dann begann seine Odyssee durch Arbeitslager, Holzkommandos, Sägewerke – und durch Lagerlazarette. Dass er ein kräftiger Junge war, ein Sportsmann, den nichts so leicht umhauen konnte, daran erinnerte sich Linngott. Wie er wegen der oft schlechten Ernährung trotzdem an Dystrophie erkrankte und wie er sich beim Holzfällen ein Bein brach, wird er nie vergessen, sagt der pensionierte Berliner Sportjournalist heute. Aber die Details, die Ortsnamen, die Namen der Ärzte und die der Offiziere, die ihn verhörten, hatte Linngott vergessen. Und wenn er einen Beleg über seine Lagerzeit hätte, hoffte Linngott, könnte das die Rente steigern.

Der Pankower gehörte zu den ersten Berlinern, die durch Vermittlung der „Berliner Freunde der Völker Russlands e.V.“ einen Archiv-Antrag nach Moskau schickten. Nach einem Jahr hielt er eine Kopie seiner 30 Seiten starken Lager-Akte in der Hand; eine Übersetzung aus dem Russischen hatte die Moskauer Freundschafts-Liga mitgeliefert. Die Bearbeitungsgebühr von 465 Mark war’s wert, sagt Linngott – auch wenn es beim Rentenantrag nicht geholfen hat.

Andrej Rumjanzew von der Moskauer Liga und der Direktor des Staatlichen Militärarchivs, Wladimir Kuselenkow, waren jetzt in Berlin, um für ihren Service zu werben. Seit das Archiv mit russischen Vermittlungsorganisationen wie der Liga zusammenarbeite, sei man bei der Suche nach verschollenen Deutschen erfolgreicher als früher, sagt der Direktor. Früher, als nur der Rot-Kreuz-Suchdienst in Arolsen Anfragen stellen durfte, scheiterte die Suche meist an der uneinheitlichen Schreibweise der Namen der ehemaligen Soldaten und Zivilinternierten. Im Lager wurden sie auf Russisch registriert, die Such-Anfragen aus Deutschland aber anders übertragen. Mitarbeiter der Freundschaftsliga und anderer Hilfsvereine böten heute mehrere Varianten an und seien für Nachfragen leicht zu erreichen. In rund 30 Prozent komme heute positive Antwort aus Moskau. Ein Berliner beispielsweise erhielt die 48-seitige Akte seines vermissten Vaters aus den Beständen der „Hauptverwaltung für Kriegsgefangene und Internierte“, dazu das Soldbuch und zehn Familienfotos. Er erfuhr, in welchem sowjetischen Lager sein Vater starb – und dass er mit einem Vernehmer über seinen kleinen Sohn in Deutschland gesprochen hatte. „Für die Kinder und auch für uns ist so etwas wie eine Versöhnung mit der Geschichte“, sagt Andrej Rumjanzew.

So war es auch für Rolf Linngott, seine Frau und seine Kinder. Als sie seine Krankenakte mit allein sieben Blättern Fieberkurven durchblätterten, waren sie beeindruckt von der Sorgfalt der weißrussischen Ärzte und Schwestern. Linngott las die Namen der Offiziere, die ihn nach der Gefangennahme verhörten, und sah „diese korrekt gekleideten und gut ausgebildeten Männer“ wieder vor sich. Er konnte seinen Kindern von der Nazi-Propaganda über die „russischen Untermenschen“ erzählen und über sein Erstaunen, auf oft perfekt Deutsch sprechende Vernehmer zu treffen, die ihn fair behandelten. Familie Linngott fand auch ein paar Kuriositäten in der Akte. Unter dem Punkt „soziale Herkunft“ hatte Linngott den Besitz seiner Eltern beschreiben sollen. „Ein kleines Einfamilienhaus“, sagte der junge Rolf. Der Vernehmer wollte es genauer wissen. Übriger Besitz? „Zwei bis fünf Hühner“, gab der Gefangene zu Protokoll. Und erntete dafür nach mehr als 50 Jahren das befreiende Gelächter seiner Lieben.

Den Fragebogen für Anfragen beim Russischen Militärarchiv gibt es im Internet ( www.berliner-freunde-russlands.de ). Der Berliner Verein berät auch telefonisch unter 2030 2384.

Kontakt zu den Deutsch sprechenden Mitarbeitern der Freundschafts-Liga in Moskau unter Telefonnummer 007-095-2068467 oder per e-Mail: suchreferat.moskau@tesycom.ru

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