Filmstadt Berlin : Hollywood, wir kommen!

Gleich acht Oscar-Nominierungen, verteilt auf vier Filme, kann die Filmstadt Berlin für sich verbuchen. In Kürze klärt sich, ob nach "Das Leben der Anderen“ und "Die Fälscher“ ein Hattrick gelungen ist.

Andreas Conrad
ulrich mühe
Oscar-Preisträger: Der Film "Das Leben der Anderen" mit Ulrich Mühe. -Foto: dpa

Wenn das Rudi noch erlebt hätte! Eine Szene wie vor 40 Jahren, das Audimax der Technischen Universität gestopft voll mit jungen Menschen, die sich die Seele aus dem Leib schreien: „Ho-Ho-Ho-TschiMinh“, immer wieder „Ho-Ho-Ho-TschiMinh“. Und vorne auf dem Podium, in diesem Moment seines Triumphs, steht er, Dutschke, oder doch jedenfalls einer, der so aussieht wie er. Die perfekte Illusion. Nur die Scheinwerfer, Mikrofone, die Kamera irritieren, entlarven den vermeintlich authentischen Studentenprotest als nachträgliche Inszenierung.

Es ist eine Ironie der Geschichte, und daran ändert auch nichts, dass Dutschke in Uli Edels „Der Baader-Meinhof-Komplex“ nur eine Minirolle spielt: Ein deutscher, zu großen Teilen in Berlin gedrehter Film mit der Szene beim Vietnam-Kongress 1968, dieser legendären, nicht gerade amerikafreundlichen Veranstaltung, genau der Film also steht vielleicht kurz vor Oscar-Ehren. „Schafft zwei, drei, viele Vietnams!“ – auch diese Forderung Che Guevaras machte damals im Audimax die Runde. Aber blickt man dieser Tage, gerade als Berliner, nach Hollywood, so ist man stattdessen versucht zu rufen: „Schafft zwei, drei, viele Oscars!“ Gleich acht Nominierungen, verteilt auf vier Filme, kann die Region Berlin-Brandenburg für sich verbuchen, acht Chancen auf Ruhm und noch mehr verkaufte Tickets, wenn in der Nacht zu Montag in Los Angeles die Oscars verliehen werden. Viele versetzt das in Hochstimmung, Kirsten Niehuus etwa, eine der Geschäftsführerinnen des Medienboards Berlin-Brandenburg, die eigens zur Feier im Kodak Theatre nach L.A. gereist ist. Schließlich hat das Medienboard alle vier Filme gefördert.

Egal, wie nun die Preise verteilt werden – auch in der Oscar-Feier spiegelt sich die zunehmende internationale Bedeutung, die der Großraum Berlin als Produktionsstandort hat. Noch vor gar nicht so langer Zeit, es mag zehn, fünfzehn Jahre her sein, stöhnten Regisseure und Produzenten erst mal auf, wenn man sie auf Berlin als Drehort ansprach: Tolle Locations, aber diese Bürokratie! Jetzt ist der Drehort hochbeliebt, das Programm der gerade beendeten Berlinale war der beste Beleg.

Dort hatte auch der Film Premiere, der gleich in fünf Kategorien nominiert ist: „Der Vorleser“, dem vielleicht ein Oscar für den besten Film, die beste Regie (Stephen Daldry), die beste weibliche Hauptrolle (Kate Winslet), die beste Kamera (Roger Deakins, Chris Menges) und das beste Drehbuch (David Hare) winken. Der Film ist weitgehend in Berlin und im Studio Babelsberg entstanden, zeigt beispielsweise die Schönhauser und die Frankfurter Allee, die Französische, die Wilmersdorfer und auch die Oranienstraße, das Freibad Plötzensee, das Studentenwohnheim Schlachtensee und das Kammergericht im Kleistpark.

Auch Uli Edels „Der Baader-Meinhof-Komplex“ ist, nimmt man nur die Zahl der Drehtage, eine hiesige Produktion: 74 waren es insgesamt, 56 fanden hier und im Umland statt. Der Film ist als deutscher Beitrag für den besten nicht-englischsprachigen Film nominiert, ebenso der israelische Beitrag „Waltz with Bashir“, an dem die Berliner Firma „Razor Film“ als Koproduzent beteiligt war. Der für den Kurzfilm-Oscar nominierte Kandidat „Spielzeugland“ von Jochen Alexander Freydank schließlich ist komplett „made in Berlin“.

Geht der eine oder andere Oscar tatsächlich an einen der Filme, so wäre das ein Hattrick: der dritte Oscar in Folge. Im Jahr 2007 war „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck als bester nicht-englischsprachiger Film ausgezeichnet worden. Der Regisseur hatte als Jugendlicher drei Jahre in Berlin gelebt, war hier Schüler des Gymnasiums zum Grauen Kloster. Mit seinem Film war er in die Stadt zurückgekehrt, in ihren Osten genau genommen, noch zuzeiten der allgegenwärtigen Stasi.

Im Vorjahr ging der Auslands-Oscar an das KZ-Drama „Die Fälscher“ von Stefan Ruzowitzky, eine österreichisch-deutsche Koproduktion, die zu großen Teilen in Potsdam entstand: Das KZ war zwischen den alten Hallen des Orenstein & Koppel-Werks an der Wetzlarer Straße nachgebaut worden. Schon der erste deutsche Film, der einen Auslands-Oscar erhalten hatte, war teilweise in Berlin entstanden: „Die Blechtrommel“ von Volker Schlöndorff von 1980. Der Brand der Danziger Synagoge beispielsweise entstand in der Weddinger Wiesenstraße, auf dem Gelände des 1896 vom Berliner Asyl-Verein eröffneten Obdachlosenwohnheims. Die Pyrotechniker mussten sich um mögliche Schäden nicht sonderlich sorgen. Seit den Bombennächten des Krieges war die Kulisse ohnehin eine Ruine.

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