Finanzkrise : Bauen auf die Hoffnung

Die Immobilienmesse „Häuserwelten“ hat es schwer an diesem Wochenende nach dem Börsencrash Wer wagt jetzt schon den großen Schritt zum Eigenheim?. Nur wenige sehen die Krise auch als Chance.

Christoph Stollowsky
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Schöne Aussichten, düstere Finanzlage. Besucher der Messe "Häuserwelten" suchten vor allem bei Kreditvermittlern Rat. -Foto: David Heerde

Der rote Teppich ist ausgerollt. Wie bei den Filmfestspielen schreiten die Gäste auf dem samtweichen Untergrund in die große Halle hinein, werden hofiert und umworben. Doch im schick sanierten einstigen „ Postbahnhof“ am Friedrichshainer Spreeufer hat man an diesem Wochenende keine Stars zur Premiere geladen – hier werden Berliner und Brandenburger auf der traditionellen Immobilienmesse „Häuserwelten“ empfangen. Wer trotz des strahlenden Sonnenscheins in die einstige Bahnhofshalle tritt, will sich ein Eigenheim anschaffen. Bis gestern Nachmittag blieb die Gästeschar aber überschaubar. „Der Besucherrückgang ist dramatisch“, klagten Vertreter der Baufirmen und Kreditvermittler an den Ständen. Eine Folge der Finanzkrise? „Klar“, sagt ein Mann im Nadelstreifenanzug, der Häuser zum „Aktionspreis“ verkauft. ,„Diese Hiobsbotschaft hat der gebeutelten Branche gerade noch gefehlt.“

Am Sonnabend bleibt ihm mangels Kundschaft erst einmal Zeit zum Kaffeetrinken und zum Bilanzieren. Auch die benachbarten Kollegen von „Harz Naturhaus“ schauen besorgt. „Bis zu 60 Prozent Umsatzrückgang drücken die Fertighausbauer der Region schon seit 2007“, sagt Michael Schmidt. Vor allem Familien, die sich ein günstiges Eigenheim „gerade so“ leisten könnten, scheuten mehr und mehr zurück. Geldentwertung,Wegfall der Eigenheimzulage, steigende Nebenkosten, Arbeitsplatzängste – und jetzt noch die Unsicherheit, ob man überhaupt einen ausreichenden Kredit bekommt – und wenn ja, vielleicht um einiges teurer? „Das verunsichert die Leute“, bestätigt Falko Marhold vom Finanzdienstleister „Money consult“.

Gleichwohl gibt er sich wie alle Kreditberater auf der Messe mit ausladenden Handbewegungen optimistisch. Immerhin habe ja die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins am vergangenen Mittwoch um 0,5 Prozentpunkte gesenkt, das werde in ein paar Wochen vermutlich auf die Bauzinsen durchschlagen und Anleihen günstiger machen. Aber dann schaut er dem Ratsuchenden ernst in die Augen und prophezeit, die Banken würden sich die Antragsteller künftig wohl genauer als bisher anschauen. „Es wird schwerer sein, einen Kredit zu bekommen.“ Das sei eben die Lehre aus der Krise.

Wer gestern zur Messe kam, zeigte sich von dieser Aussicht aber kaum beunruhigt. Die Spekulation auf fallende Bauzinsen verdrängte andere Bedenken. Jürgen Z. beispielsweise, 40 Jahre alt und Angestellter im öffentlichen Dienst, sieht die Eskalation der Finanzkrise sogar als Chance. Er träumt von den eigenen vier Wänden bei Potsdam, egal ob Neu- oder Altbau, und will nun gespannt abwarten, in welchem Ausmaß die Banken die Leitzinssenkung an ihre Kunden weitergeben. Vor dem prüfenden Blick der Kreditinstitute hinsichtlich seiner Bonität fürchtet er sich nicht. „Wir haben als Ehepaar beide recht gut bezahlte, sichere Jobs. Was soll da passieren?“

In einer derart gesicherten Position sind offenbar die meisten Messebesucher im Postbahnhof. Wer dagegen finanziell und beruflich unsicherer ist, „der bleibt nun weg“, sagt ein Fertighaus-Berater. Die „Häuserwelten“-Interessenten bummeln vorbei an reklamebeladenen Ständen, lassen sich ein schlüsselfertiges „Zuhause“ schon ab 120 000 Euro versprechen, obwohl die meisten eher nach etwas Hochwertigerem suchen.

Und manche, wie Ernst T. aus Steglitz, hoffen auf Krisen-Schnäppchen. Er ist Informatiker, 36 Jahre alt, und strebt nach einem Eigenheim im Berliner Süden, möglichst in Lichterfelde. „Es könnte doch sein“, überlegt er, „dass jetzt manche Eigentümer durch die Finanzkrise gezwungen sind, ihr Haus zu verkaufen. Dann komme ich billig ’ran.“

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