Berlin : Findelkind: Eine neue Familie für den kleinen Henri

Sigrid Kneist

Der kleine Henri hat eine neue Familie. Die Adoptionsvermittlungsstelle der Senatsjugendverwaltung hat für das Findelkind Adoptiveltern gefunden; das behördliche Verfahren wird ungefähr ein Jahr dauern. Am 28. September war der damals etwa zwei Tage alte Junge vor dem Eingang des DRK-Seniorenwohnheimes in der Neuköllner Rübelandstraße entdeckt worden. Der nackte Säugling hatte eingewickelt in eine Decke in einer Plastiktüte gelegen. Der gesunde Junge verbrachte die ersten Wochen im Krankenhaus, weil er das Trinken lernen musste.

Da die Anonymität der neuen Familie gewahrt bleiben soll, wurde lediglich bekannt gegeben, dass die Eltern bereits ein anderes Adoptivkind angenommen haben. Selbst der Wohnort wird aus diesen Gründen geheim gehalten. "Es ist eine jüngere, sehr nette Familie, in der Henri sehr gut aufgehoben sein wird", sagte Neuköllns Jugendstadtrat Lutz Reichert. Das Ehepaar habe sich um den kleinen Henri - er erhielt seinen Namen nach dem Gründer des Roten Kreuzes, Henri Dunant - bereits im Krankenhaus gekümmert.

Nachdem die Meldungen über das Findelkind veröffentlicht worden waren, hatte es jede Menge Anrufe bei der Adoptionsvermittlungsstelle von Eltern gegeben, die gerne ein Kind adoptieren wollten. Diese Interessierten kamen als neue Eltern des kleinen Jungen allerdings nicht in Frage. Denn das Verfahren ist langwierig und kompliziert. Wenn Paare sich dazu entschließen, ein Kind annehmen zu wollen, müssen sie sich bei der Adoptionsvermittlung melden. In verschiedenen Gesprächen und Hausbesuchen soll geklärt werden, ob die Paare geeignet sind und für was für ein Kind sie in Frage kommen. Allein dieses Auswahlverfahren kann ein knappes Jahr dauern. "Wir suchen für das Kind die passenden Eltern und nicht umgekehrt", sagt Christine Schnittger von der Vermittlungsstelle.

Derzeit sind knapp 60 Paare gemeldet, die ein Adoptivkind möchten. Ungefähr genauso viele sind derzeit im Auswahlverfahren. In diesem Jahr sind über die Vermittlungsstelle bereits knapp 30 Adoptionsverfahren eingeleitet worden, 1999 waren es insgesamt knapp 50. Nach Schnittgers Angaben wird die überwiegende Zahl der Kinder direkt als Neugeborene in die neue Familie gegeben. Allerdings hat der Gesetzgeber eine Frist von acht Wochen nach der Geburt gesetzt, in der die leibliche Mutter frühestens das Kind notariell zur Adoption freigeben kann. Erst dann kann das formale Verfahren eingeleitet werden. Dadurch soll sie die Chance haben, ihre Entscheidung eventuell noch einmal ändern zu können.

Fälle von Kinderaussetzung gibt es in Berlin ein bis zwei pro Jahr. Um die Überlebenschancen für diese Säuglinge zu erhöhen, hat das Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede erst wenige Wochen, bevor Henri in Neukölln gefunden wurde, eine so genannte Babyklappe eingerichtet. Dort kann eine Mutter ihr nicht gewolltes Neugeborenes durch eine Klappe in ein Wärmebettchen legen. Ein Sensor löst zeitversetzt Alarm aus, damit die Mutter unerkannt das Krankenhausgelände verlassen kann und das Kind anschließend sofort Hilfe bekommt.

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