Berlin : Finstere Zeiten

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

die dunklen Seiten von Berlin

Die letzten Worte unseres obersten Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe galten bekanntlich der Weimarer Straßenbeleuchtung: „Mehr Licht …“ Einer seiner Nachfolger im Geiste, der Lübecker Thomas Mann, hat dagegen München gratis einen Werbespruch serviert, um den alle Tourismusmanager die Bayern-Metropole beneiden: „München leuchtete.“ Das war eher metaphorisch als elektrisch zu verstehen, der Stadt an der Isar wird im Eingangssatz der Erzählung „Gladius Dei“ also ein potenzieller Glanz zugesprochen, der über das Ein- und Ausschalten örtlicher Beleuchtungskörper weit hinausgeht. Wir dagegen leben in Berlin, einer herberen, man muss sagen dunkleren Stadt, und da bewirken ein paar Lämpchen mehr oder weniger schon eine Menge. Genau genommen können es gar nicht genug sein, damit aller Welt signalisiert werde, dass wir hier nicht nur zu sparen verstehen. Zu schade also, dass die Lichtgirlanden Unter den Linden nicht noch einige Zeit vor sich hin glimmen – zum Beispiel bis zur Berlinale. Gewiss, Berlin leuchtet auch so, aber reicht es, um die Dichter zur Feder greifen zu lassen? Und wird die Alltagsbeleuchtung den Filmkünstlern genügen, um über Berlin mal einen Film zu drehen wie jenen, den Chaplin 1931 hier präsentierte? Sein Titel? „Lichter der Großstadt“.

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