Berlin : Firmen-Bestatter

Kriminelle Wirtschaft: Manche Unternehmen werden nur übernommen, um sie sterben zu lassen

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Auch wenn das „businessspeak“ angelsächselt und Englisch und Deutsch gemeinsame Wurzeln haben: Undertaker sind nicht Unternehmer. Sondern bei Shakespeares Hamlet Totengräber und in Cosa Nostras Kinderjahren Bestattungsfirmen mit sauberer Verflechtung legaler und krimineller Geschäfte. Und Särgen mit doppeltem Boden, in denen sich auch andere Leichen entsorgen lassen. Trotzdem nennen sie sich in schöner Offenheit selbst so: Plattmacher. Oder Firmen-Bestatter. Leute, die Firmen übernehmen, um sie zu bestatten.

Die deutsche Karriere vom Unternehmer zum Übernehmer nimmt in Wendezeiten Fahrt auf und betrifft das gesamte Unternehmen DDR. Das Prinzip „Sanierung durch Privatisierung“ macht manchen Übernehmer zum Absahnierer, getreu dem Rezept der geistig-moralischen Wende der frühen Achtzigerjahre: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Für Cleverles ist von da kein weiter Weg zum Bestatten und die platt zu machende Firma egal. Es muss kein volkseigenes Kombinat sein. Es geht auch, zum Beispiel, mit Heidelberger Handwerksbetrieben. Hauptsache, der Laden eignet sich für eine „fruchtlose Insolvenz“. Insolvenz klingt auch viel netter als Bankrott.

Zwischen 1993 und 2003 hat sich die Zahl der Pleiten in Deutschland fast verdreifacht: von gut 15000 auf knapp 40000. Hinter der Hälfte, schätzen juristische und kriminalistische Experten, stecken Straftaten – Bankrottdelikte, Betrug. Die Zahl der Gerichtsverfahren und Verurteilungen liegt allerdings bisher im Nanobereich. Wirtschaftskriminalität ist kompliziert, ihre Aufklärung kleinteilig, mühselig und zeitaufwendig. Weshalb der Deutsche Richterbund seit Jahren vergeblich mehr Stellen für Staatsanwälte fordert, die all die Pleiten genauer durchleuchten.

„Das Phänomen krimineller Firmenübernahmen hat sich Mitte der Neunzigerjahre herauskristallisiert, bundesweit, mit Schwerpunkt hier in Berlin“, beschreibt Kriminaloberrat Jörg Dessin. Bei ersten Ermittlungen stoßen die Beamten des Berliner Landeskriminalamts (LKA) auf so detaillierte Unterlagen, dass sie im September 1997 eine fünfköpfige Ermittlungsgruppe gründen, die „Ermittlungsgruppe Platt“. Dann zeichnet Kriminaloberrat Dessin – mit erfundenen Namen und Orten – das Szenario nach, mit dem sich ein maroder Betrieb bestatten lässt.

Zum Beispiel die „Tischlerei Weber GmbH in Heidelberg“. Zwölf Mitarbeiter, noch abzuzahlende Maschinen, angeschlossen ein Parkettschleifer, eine Malerfirma, ein Holzlieferant mit offenen Rechnungen. Geschäftsführer Weber kann weder seine Lieferanten noch seine Angestellten bezahlen und müsste laut GmbH-Recht innerhalb von drei Wochen nach Feststellung der Überschuldung Insolvenzantrag stellen. „Nach unseren Erfahrungen“, sagt Dessin, „liegt in fast hundert Prozent der Fälle Insolvenzverschleppung vor, dem Altverantwortlichen steht das Wasser bis zum Hals, die Gerichtsvollzieher rennen ihm die Bude ein. Er ist in einer Zwangssituation.“ Die macht sich eine „Firma Sorgenfrei“ zunutze. Sie annonciert in seriösen Zeitungen und bietet die geniale Lösung. „Sprich: den Firmenaufkauf. Es wird dann sehr schnell Kontakt hergestellt.“ Herr Weber fährt nach Berlin, trifft den Sorgenfrei-Chef Müller und verkauft seine Firma für eine symbolische Mark, heute einen Euro an einen Herrn Meier. Der bekommt dafür zwei-, dreihundert Euro, ist Sozialhilfeempfänger und hat null kaufmännische Kompetenz.

Trotzdem macht ihn Herr Schulze, der Sorgenfrei-Notar, zum handelsregisterlich eingetragenen neuen Geschäftsführer der GmbH Weber. Für die Meiers und Schulzes eine schöne regelmäßige Einnahmequelle. Für die Müllers sowieso, denn die Webers löhnen kräftig, um ihre Firma loszuwerden. „Das fängt bei 5000 Euro an und ist nach oben offen. In der Regel werden zehn bis zwanzig Prozent der Überschuldungssumme verlangt.“ In bar und schwarz. Betrügerischer Bankrott, Steuervermeidung, Sozialhilfebetrug auf Deutsch. Alltäglich und flächendeckend. Es lohnt sich auch für Weber: Es erspart ihm den Eintrag als Bankrotteur – im Zentralregister, bei der Schufa, bei Auskunfteien. Er kann sorgen-, weil schuldenfrei, die nächste Firma aufmachen. In Berlin sind bis zum Jahr 2000 zwischen ein- und zweitausend Firmen auf diese Weise platt gemacht worden, schätzt Dessin. Der strafrechtlich relevante Schaden liegt „mal spekulativ hochgerechnet“ bei einer halben Milliarde Euro. Aber das ist nicht der einzige, nicht mal der größte. „Volkswirtschaftlich steckt mehr dahinter: Gläubiger, Lieferanten, Zuarbeiterfirmen bleiben auf Forderungen sitzen. Dadurch ergeben sich Anschlusskonkurse. Bei Handwerksbetrieben hängt oft die Existenz dran, wenn eine hohe Rechnung nicht bezahlt wird.“ Läppische 50000, zum Beispiel – und das sind drei Nullen weniger als die „Peanuts“ des Deutsche-Bank- Chefs Kopper. Auch die hatten kleine und mittlere Betriebe ruiniert, nicht Banken.

Jörg Dessin, heute 38 und stellvertretender Leiter des LKA-Dezernats 32, „Wirtschafts- und Wettbewerbsdelikte“, kam nach der Fachhochschulausbildung und dem üblichen Durchlauf durch verschiedene Kripo-Dienststellen 1989 in dieses Ressort und blieb dabei. Für ihn ist der scheinbar so öde, knochentrockene Wirtschaftsstoff spannender als Tötungsdelikte. „Hier sind Tat und Täter bekannt, alles kommt auf den Nachweis an.“ Und seine Täter sind ausgebufft. Sie meinen, über dem Gesetz zu stehen, und munitionieren sich mit teuren Anwälten. Für Dessin kein Grund zur Resignation: „Eher ein Motivationsfaktor: Dem zeig ich’s mal, dass er eben nicht schlauer ist als alle andern.“ Schließlich geht es bei dieser Art Serientätern, von denen so selten öffentlich die Rede ist, um mehr als „nur“ riesige materielle Schäden. „Das Perfide ist“, sagt Dessin, „dass so oft so viele Hoffnungen geweckt werden. Der Altbesitzer hat ja ein notarielles Schreiben, dass jemand die Firma gekauft hat, zwecks Sanierung.“ Und die werden bitter enttäuscht. „In der Regel erfolgt dann nur noch sofort eine Sitzverlegung, zum Beispiel nach Berlin. Und da ist maximal noch eine Briefkastenfirma.“

Schulden können nicht eingetrieben werden, der „neue Geschäftsführer“ hat keine zustellfähige Adresse. An den Firmen-Bestatter kommt man nicht dran, der sitzt selbst im Ausland. Und die zwölf Mitarbeiter der Weber GmbH aus Heidelberg? Sie sitzen auf dem Trockenen. Sie haben zwar Anspruch auf Insolvenzgeld, den ausstehenden Lohn der letzten drei Monate, aber kein zuständiges Arbeitsamt. Das Heidelberger sagt: Bei uns ist die Firma nicht mehr. Das Berliner sagt: Die hat hier ihren Sitz wohl angemeldet, aber bisher keine geschäftliche Tätigkeit entfaltet. Und Arbeitslosengeld? Erst wenn die Firma aus den Registern gelöscht ist. Selbst kündigen? Bringt eine Sperrfrist beim Arbeitsamt. Bleibt die Klage – nur: „Die kostet erst einmal“, sagt Dessin. „Es gab Versuche von Gewerkschaften, das zu vertreten, aber die sind fast alle im Sande verlaufen, weil die neuen Geschäftsführer schwer greifbar sind.“

Privatisierte Milliardengewinne, sozialisierte Kosten, die auch privat lasten. Dabei ist noch lange nicht alles kriminell, was so stinkt. Auch ganz legale Geschäfte produzieren massenhaft ähnliche Opfer, volkswirtschaftliche und individuelle. Bettina Kuhlke ist Diplomingenieurin, spezialisiert auf Großbaustellen, verheiratet mit einem arbeitslosen Maurer, zwei erwachsene Töchter, von denen eine Azubi ist und noch zu Hause wohnt. Seit Anfang 2004 ist auch Bettina Kuhlke arbeitslos. Das Szenario – ebenfalls mit veränderten Namen – geht so.

Das Kombinat Wohnungsbau Berlin (KWBB) hat „zu Ostzeiten“ über 11000 Beschäftigte, einen recht modernen Maschinenpark vor allem aus Finnland und die halbe ehemalige Hauptstadt der DDR gebaut. „Alles, was Richtung Ahrensfelde an Marzahn entstanden ist, Hellersdorf, Kaulsdorf, Hohenschönhausen, Alt-Glienicke“, erzählt sie lachend. Frau Kuhlke ist kein „Jammer-Ossi“, obwohl sie eher Grund dazu hätte als abgewickelte NVA-Generäle oder linientreue Kulturschaffende. Frau Kuhlke hat lieber Galgenhumor entwickelt. „In der ersten Zeit hat’s mir mächtig viele schlaflose Nächte gemacht, doch“, räumt sie ein, „ich bin wahrscheinlich gut im Verdrängen. Mach’ auch meine Witzchen drüber.“

1990 wird das KWBB von der Treuhand übernommen, 1991 übergeben an einen großen westdeutschen Baukonzern. Da sind von den ursprünglich 11000 noch 6000 übrig. Weitere 2000 sollen noch weg. Was folgt, ist das systematische, wenn auch chaotisch anmutende Zerlegen, Neugründen und Ausweiden. Stets mitfinanziert von der Bundesanstalt für Arbeit. „Wir haben“, erzählt Micha Schneider, seit 29 Jahren im Betrieb, seit 14 Jahren Betriebsrat, zuletzt Betonbauer und Einschaler bei der x-ten Neu-Firma TMBau GmbH, „seit 1990 im Grunde nur abgebaut, ausgegliedert, abgewickelt. Und Jahr für Jahr Sozialpläne gemacht.“ Dann gerät der Traditionskonzern in die Krise. Höchste politische Kreise machen sich stark für die Rettung. 1996 verzichten die Beschäftigten auf Lohnerhöhung und leisten gratis eine so genannte Sanierungsstunde pro Tag, die „bei Gesundung der Firma oder einer Entlassung vor 2007“ voll ausbezahlt werden soll.

Schneiders rechtlicher Anspruch daraus und aus der Abfindung liegt inzwischen bei 30 000 Euro, denn entlassen ist auch er jetzt. Der von Bettina Kuhlke, die über zwanzig Jahre seit dem Studium in derselben Firma ist, bei 25 000. Aber wann das Geld kommt, wie viel und von wem, weiß niemand. Es wird auf jahrelanges Prozessieren mit Hilfe der IG Bau hinauslaufen.

Frau Kuhlke und Herr Schneider sind nur zwei von den Ende 2003 noch verbliebenen 300 Mitarbeitern. Und Schneider hat zwar kein selbst bewohnbar gemachtes Häuschen abzuzahlen, aber er ist allein erziehender Vater. Er hat für seinen Sohn erst gerade eben endlich eine Lehrstelle gefunden. Als Koch. In Österreich.

Die Plattmacherei geht erst richtig los, als der Westkonzern 2001 doch pleite geht und von einem süddeutschen Konglomerat aufgekauft wird. „In den letzten Jahren hat man dann angefangen, in Verbindung mit der Bundesanstalt für Arbeit Auffanggesellschaften zu gründen, wo die Leute ,weiterqualifiziert‘ werden sollten“, sagt Micha Schneider. Anfang 2003 erwischt es Bettina Kuhlke. Dass ihre Unter-Firma Construct GmbH insolvent sei, hört sie am Telefon von einem Kunden. Und ihr Betriebsrat spielt auch das Erpressungsspiel der neuen Besitzer mit: Entweder ihr unterschreibt den „dreiseitigen Aufhebungsvertrag“, kriegt sechs Monate lang achtzig Prozent eures Lohns sicher weiter, vom Arbeitsamt gefördert, werdet qualifiziert für den freien Arbeitsmarkt und vermittelt. Oder – die Firma meldet Insolvenz an, und ob sich da was für euch rausholen lässt, ist fraglich. Die Anlagen sind ja mittlerweile fast komplett ausgekernt – und einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche fassen.

Frau Kuhlke und die Construct unterschreiben zähneknirschend, Herr Schneider und die TMBau nicht. Der Aufhebungsvertrag hat mehr als drei Papierseiten, er heißt so, weil ihn drei Parteien schließen – der Arbeitnehmer, der Neubesitzer und eine vom Arbeitsamt bezuschusste Auffanggesellschaft. Genau besehen nützt das Geld aus der Sozialversicherung, dieses Ergebnis der viel gescholtenen „hohen Lohnnebenkosten“, also Unternehmern, die Arbeitsplätze gerade nicht erhalten oder gar schaffen, sondern vernichten.

Zur sinnvollen Qualifizierung jedenfalls nützt es in diesem Fall null. „War die reine Beschäftigungstherapie“, lacht Bettina Kuhlke und schüttelt den Kopf. „Wir mussten lernen, wie sehen Bewerbungsunterlagen aus? Das war noch in Ordnung, das war ja für uns Neuland. Dann gab’s so Spielchen – im Team was bauen, ’ne Präsentation machen, vorher ’n Plan erstellen – nannte sich ,Managementtraining‘!“ Unbedingt brauchbar für eine gelernte Planwirtschaftlerin, die auch schon „westlich gebaut“ hat – Reihenhaussiedlungen, Kinos, das Beisheim-Center. Etwas Englisch. Etwas Computer. In der zweiten Hälfte des halben Jahres beschränken sich die Berater darauf, „Annoncen anzupinnen und zu markieren: Hier, bewerben Sie sich mal da. Ich weiß wirklich niemanden aus unserer Truppe, der durch die einen Job gefunden hat.“

Micha Schneider nimmt „die ganze seelische Belastung“ so mit, dass er ein halbes Jahr lang knapp am Magengeschwür vorbeischrammt. „Da hängen doch Schicksale dran, Familien. Und wenn man sieht, wie Leute sich das von denen, die hier gearbeitet haben, mitgeschaffene Kapital unter den Nagel reißen und die andern in die Sozialhilfe fallen – also, das ist schon ziemlich traurig.“

Nein, er hat nichts gegen Marktwirtschaft. Er ist auch kein Betonkopf, der in jedem Eigentümer den Ausbeuter wittert. Micha Schneider ist ein Interessenausgleicher, er kann gar nicht anders. Einer wie er sieht durch solches „Wirtschaften“ mehr kaputt gehen als materielle Werte. Produktivkräfte wie Handwerkerehre, Erfahrung, das, was westlich-modern „coporate identity“ heißt: Man fühlt sich in seiner Firma zusammengehörig, man arbeitet gern da und ist stolz auf das, was man schafft. Wut und Hass gestatten sich weder er noch Bettina Kuhlke, obwohl es ihnen an die Existenz geht, so wie den zwölf Mitarbeitern und den Zulieferfirmen der Weber GmbH in Heidelberg.

Eine gruselige Vorstellung, dass in diesem Land vielleicht nur deshalb nicht öfter jemand, wie in den USA, mit einer Knarre in der Hand Amok läuft, weil es strenge Waffengesetze hat. An fehlenden Auslösern kann es kaum liegen. Modern times eben. Es gibt keinen archimedischen Punkt, von dem aus sich die Welt in ihre Angeln zurückheben ließe. Die Grauzonen, das unentwirrbare Gebräu aus Kriminellem und Legalem, werden einfach immer größer. Oft auch die Summen, um die es geht. Jörg Dessin und seine Kollegen zum Beispiel arbeiten inzwischen seit Jahren am Fall Berliner Bankgesellschaft.

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