Berlin : Firmenporträt: Das Geheimnis der Klosterfrau

Thomas Loy

Dreizehn Glasbehälter stehen im Büro von Fertigungsleiter Manfred Bausemer auf dem Regal, darin 13 verschiedene Kräuter, dazwischen eine kleine Puppe mit Häubchen und Schürzchen: die Klosterfrau. Zum 25jährigen Dienstjubiläum bekam Bausemer das süße Nönnlein von einer Kollegin. Selbstgebastelt natürlich. Bausemer lächelt verlegen. Die Klosterfrau hat ihm längst ihre Geheimnisse anvertraut. Niemand weiß so gut wie er, unter welchen Bedingungen die dreizehn Kräuter und das Wasser und der Alkohol zusammen kommen müssen, um eine Arznei zu destillieren, die nach Firmenangaben 20 Millionen Menschen regelmäßig durch die Unpässlichkeiten des Alltags hilft: Klosterfrau Melissengeist.

Die Verpackung mit den drei stilisierten Nonnen, die aus dem Kirchenfenster schauen, kennt jeder. Klosterfrau Melissengeist ist ein Markenname, der es bis ganz nach oben geschafft hat - wie Tempo oder Coca Cola. Eine solche Marke ist verletzlich und sensibel wie eine Diva. Sie verabscheut laute Begleitmusik, verlangt eher nach sensibler Pflege. Die Werbeabteilung der Firma Klosterfrau übt sich deshalb in geradezu stoischer Zurückhaltung.

Wie überhaupt das gesamte Unternehmen. "Wir sind relativ verschwiegen", sagt der Geschäftsführer der Berliner Niederlassung, Rainer Jahn. Dass die Kölner Firma, die seit 1971 großteils in Marienfelde produziert, in diesen Tagen das 175-jährige Bestehen feiert, ist durchaus kein Anlass, an die Öffentlichkeit zu gehen oder gar eine Jubelfeier zu organisieren. Eine kleine interne Würdigung hat es gegeben. Geschenke für die Mitarbeiter. Das wars. "So ein Jubiläum passt nicht in unser Kommunikationskonzept", sagt Jahn, ein Marketing-Mann. "Das Produkt soll im Vordergrund stehen, nicht die Firma."

Dabei erzählt sich die Firmenstory wie die biblische Geschichte vom heiligen Samariter - in leicht ökonomischer Verfremdung. Die Karmeliter-Nonne Maria Clementine Martin hatte sich in der Schlacht bei Waterloo 1815 als Krankenpflegerin verdient gemacht. Nach der Säkularisierung ihres Klosters gründete sie 1826 am Fuße des Kölner Domes eine Firma: Maria Clementine Martin Klosterfrau. Das erste Produkt wurde das "ächte Carmeliter- oder Melissenwasser", dessen Herstellung sie schon in der Klosterapotheke betrieben hatte. Innovativ war eigentlich nur die Idee, für das Produkt ein wiedererkennbares Markenzeichen einzuführen. Dafür erhielt sie vom preußischen König das Privileg, sein Wappen auf die Flaschenetiketten zu drucken. Als geschäftstüchtige Frau beschwerte sie sich bald bei Friedrich-Wilhelm IV, dass in Berlin ähnliche Produkte verkauft würden, was doch wohl nicht angehen möchte. Die Minister des Königs wiesen die Beschwerde zurück: Solange ihr Name oder das königliche Wappen nicht verwendet würden, sehe man keinen Grund einzuschreiten.

Ein wegweisender Spruch, der für das Unternehmen noch heute gilt. Auf die Herstellung des Melissenwassers gibt es keinen Patentschutz. "13 Kräuter mischen und destillieren kann im Grunde jeder", sagt Jahn. Das Geheimnis des "ächten" Melissengeistes besteht im genauen Prozedere, von der Ernte der meist in Spanien angebauten Kräuter über Trockung und Lagerung bis zur Destillation in großen Zylindern und dem abschließenden Reifeprozess. Der hohe Alkoholgehalt von 79 Volumenprozent ergebe sich aus dem Herstellungsverfahren, erklärt Jahn. Das Ethanol löst die ätherischen Öle aus den getrockneten Kräutern und ist gleichzeitig als "Wirkstoff" deklariert. Damit seine Wirkung moderat bleibt, schreibt der Beipackzettel vor, die Arznei mit Wasser zu verdünnen. Kinder unter 12 Jahren dürfen keinen Melissengeist schlucken. Die Unternehmensgruppe Klosterfrau produziert inzwischen eine Vielzahl von Gesundheitsprodukten: Hustentabletten, Vitaminprodukte, Knoblauchpastillen oder pflanzliche Kosmetika. Der Melissengeist ist jedoch der "Solitär" in der Palette und das Identifikationsobjekt für die 250 Mitarbeiter in Berlin.

In der Lagerhalle zwischen blitzblanken Metallbottichen mit den bunten Schildern "Hustensaft" oder "Franzbranntwein Latschenkiefer" schnuppert es würzig. Die Klosterfrau und ihr Melissengeist sind unterwegs und verbreiten Wohlbefinden. Manfred Bausemer lächelt wieder. 32 Jahre hält er Maria Clementine Martin schon die Treue, daran wird sich nichts ändern, mindestens bis zur Rente.

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