Berlin : Flucht nach Goslar

Wolfram Siebeck

Die Katze ist weg. Sie wird wohl in der Küche sein, haben wir zuerst vermutet. War sie aber nicht. Dann schläft sie eben, waren wir sicher. Weil Frau Hoffmann immer schläft, wenn wir sie suchen. Leider hat sie mehrere bevorzugte Schlafplätze. Was zur Folge hat, dass wir sie nie finden. Aber wozu lange suchen? Wenn sie hungrig wird, taucht sie wieder auf.

Doch heute ist von ihr nichts zu sehen und zu hören. Das ist beunruhigend. Deshalb suchen wir in beginnender Panik. Doch sie bleibt verschwunden. Wir rufen, pfeifen und knallen die Türen. Frau Hoffmann lässt sich nicht blicken. Mein Gott, sie kann die Burg nicht verlassen! Das Haustor ist doch abgeschlossen.

„Aber der Briefträger war drin!“ - „Wer hat ihn reingelassen?“ - „Ich. Er hatte ein Paket mit Büchern.“ - „O Gott!“

Wenn Frau Hoffmann im Treppenhaus herumlungert, ist es für sie einfach, sich unbemerkt zur offenen Tür hinauszuschleichen. Die Vorstellung, dass wir uns der Lösung des Falles nähern und dass ihre Flucht schon mehrere Stunden her ist, lässt uns erbleichen. Wir stürzen nach draußen und suchen das Gelände um die Burg ab, fragen Nachbarn, benachrichtigen die Polizei, und es wird dunkel, als wir endlich einsehen, dass Frau Hoffmann verschwunden ist. Vielleicht für immer. Obwohl man ja von Katzen gehört hat, die durch halb Russland marschiert sind, um die alte Schlafstelle wiederzufinden.

Die Nacht, die nächsten Tage sind angefüllt mit mühsam aufrecht gehaltener Hoffnung und der Erkenntnis, dass Frau Hoffmann unseren Haushalt und unser Leben verlassen hat. Am zehnten Tag ohne Hoffmann steckt zwischen der üblichen Post eine Ansichtskarte aus Goslar. Kleine, bunte Bilder mit Stadtansichten auf der einen Seite. Auf der anderen eine unbeholfene Handschrift. Unterschrieben ist die Karte mit „Eure Hoffmann.“

Mir zittern die Knie, ich stolpere die Treppe hinauf. Mein Geschrei ruft die erschreckte Memsahib herbei. Wir streiten, wer die Karte halten darf, und lesen gemeinsam: „Liebe Leute, ich bin hier im schönen Harz auf dem Weg nach Berlin. Hier liegt noch Schnee. Mit Allahs Hilfe werde ich in drei Tagen in Kreuzberg sein.“ Wir sehen uns mit offenem Mund an. Berlin! Das sieht ihr ähnlich. Ihre lächerliche Schwärmerei für die Hauptstadt hat sie in die Tat umgesetzt. Hoffentlich geht es ihr nicht wie Kolumbus, der nach Indien wollte und in Amerika landete. Aber seit wann kann sie schreiben? Und was heißt Allah? Ist sie verrückt geworden? Sie hat doch mitgekriegt, wie gefährlich die Verwendung von muslimischen Begriffen ist. Na, Hauptsache sie lebt. Wahrscheinlich hat eine türkische Familie sich ihrer angenommen.

Wir lesen weiter: „Könnt ihr mir die Brekkies in der silbernen Tüte schicken? Ich diktiere dies der Layla. Sie ist sehr lieb zu mir. Wenn ich in Kreuzberg bin, lasse ich wieder von mir hören. Eure Hoffmann.“ Also Layla. Ein türkisches Mädchen. Die Brekkies in der silbernen Tüte aß Hoffmann tatsächlich am liebsten, das beweist die Echtheit ihrer Nachricht. Doch kein Absender. Wenn wir sofort losfahren, sind wir am Abend in Goslar. Aber Goslar hat 44 000 Einwohner, davon vielleicht ein Viertel Türken. Und wenn sie nur auf der Durchreise sind, Layla und ihre Familie? Wenn sie ihren voll beladenen Kombi zu dieser Stunde ebenfalls starten mit Hoffmann vor der Heckscheibe?

„So wie sich Hoffmann im Auto anstellt, schmeißen sie die doch spätestens in Braunschweig wieder raus.“ – „Wieso Braunschweig?“ – „Das liegt auf der Strecke nach Berlin.“ – „Ach, so?“ – „Ja, oder an der ersten Tankstelle.“ – „Das wird Layla zu verhindern wissen.“ – „Pah, auf Frauen nimmt der Muslim keine Rücksicht.“

Was bleibt uns übrig? Wir warten.

— Der Autor, Deutschlands bekanntester Gastrokritiker, kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei seiner langjährigen Mitbewohnerin. Mit dieser Folge beendet Siebeck „Frau Hoffmanns Erzählungen“.

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