Berlin : Flug zum Großen Kurfürsten

Das Berliner Stadtschloss gibt es jetzt auf DVD – in der Renaissance-Version des späten 17. Jahrhunderts

Andreas Conrad

Aus dieser Perspektive hat der Große Kurfürst seinen Berliner Wohnsitz nie gesehen: Einem Vogel gleich umkreist die Kamera den Schlosshof, hatte sich schon über den Apothekerflügel geschwungen, die Türme des nahen Doms umrundet, senkt sich nun hinab zu den Arkaden des repräsentativen Hauptgebäudes, wird hinüberfliegen zum Lustgarten, beim Lusthaus verweilen, wegen seiner Wasserspiele „Grotte“ genannt, danach geht es tiefer in den Garten, zum Pomeranzenhaus, längst abgerissen, nur noch auf alten Stichen zu erahnen – nun aber, wie auch das Schloss samt Stadtwällen und Toren, dank DVD jederzeit zu besichtigen.

„Zeitreisen – Timetravel“ heißt sehr zutreffend ein in Heidelberg gegründetes, nun nach Berlin ausgreifendes Projekt einer Handvoll Heidelberger Wissenschaftler, überwiegend Historiker und Kunstgeschichtler, die zunächst als Hobby, doch bereits mit erstaunlicher Professionalität eine Visualisierung des längst Vergangenen versuchen. Vor zweieinhalb Jahren hatten sie sich daran gemacht, Alt-Heidelberg um 1620 am Rechner zu rekonstruieren und das Ergebnis als DVD anzubieten. Die Silberscheibe kam vor einem Jahr auf den Markt, 1500 Exemplare wurden verkauft, womit die Kosten nicht gedeckt sind, aber immerhin. Der kommerzielle Gedanke stehe ohnehin noch nicht im Vordergrund, wie Thomas Halbgewachs von „Zeitreisen“ sagt.

Anfragen aus anderen Städten hat es gegeben, die Gruppe aber wandte sich Berlin und seinem Stadtschloss zu, gesehen in der Renaissanceversion des späten 17. Jahrhunderts, also noch vor dem Barockbau, der 1950 gesprengt wurde. Das gehöre zur „Zeitreisen“-Philosophie, einzig Epochen vor der Erfindung der Fotografie zu wählen, von denen es nur noch Schnitte, Zeichnungen, Gemälde vielleicht gebe, betont Halbgewachs. Die Informationen trug eine Projektgruppe um Stephan Engemann und Bernd Leicht in monatelanger Recherche aus Heidelberger und Berliner Quellen zusammen, danach wurden für den Weg durch die Scheinwelt am Computer abstrakte 3-D-Modelle konstruiert und mit Oberflächen wie Sandstein oder Ziegel versehen. Für Vergleiche mit der Gegenwart filmte man im heutigen Berlin, alles nach Drehbuch, dessen Kommentare sich nicht auf dürre Informationen zur Architektur beschränken, sondern auch viel Zeitkolorit bieten, sei es über höfische Tischsitten, revolutionäre Innenklos, alchimistische Versuche im Apothekerflügel oder Berlins Schlossgespenst, die „Weiße Frau“. Ein harmloses Wesen, nur die Folgen ihres Erscheinens waren fatal. Stets musste ein Mitglied der kurfürstlichen Familie dran glauben.

— „Alt-Berlin und sein prächtiges Stadtschloss“. DVD, 30 Min., deutsch/englisch, 29,90 Euro. Zu beziehen im Internet über www.zeitreisen-dvd.de, telefonisch unter 0180-558 86 00 oder ab Sonnabend im Fachhandel.

Ausschnitte aus der DVD:

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