Flughafen-Aufsichtsrat : Die Brandenburger Hoffnung

Ob er sich sein Leben versauen wolle, haben sie ihn gefragt. Wenn es nur das wäre. Das ginge ja noch. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck glaubt fest daran, dass er den Flughafen retten kann – mit dem Rückhalt des Landtags muss er auch. Denn für ihn geht es um alles oder nichts.

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Als dieses Bild entstand, im Jahr 2010, bot die Baustelle BER Matthias Platzeck noch Grund zur Freude.
Als dieses Bild entstand, im Jahr 2010, bot die Baustelle BER Matthias Platzeck noch Grund zur Freude.Foto: dpa

Er soll nur gelacht haben, diesmal aus Galgenhumor. Es war am vergangenen Mittwoch bei Wolfgang Schäuble im Büro. Als sie zum ersten Mal überhaupt zusammensaßen, was einiges sagt. Nachdem nun alles kollabiert, die Verschiebung der Verschiebung gerade wieder verschoben werden musste, die vorher auf 4,3 Milliarden Euro explodierten Kosten nun weiter steigen, und alles was noch kommen mag unkalkulierbar geworden ist, da war der künftige Flughafen der deutschen Hauptstadt zum ersten Mal wirklich Chefsache.

Da versammelten sich zum Krisentreffen der Bundesfinanzminister, Verkehrsminister Peter Ramsauer, Berlins Regierender Klaus Wowereit und jener Mann, den manche in diesen Tagen für verrückt halten: Matthias Platzeck, Regierungschef in Brandenburg, gerade 59 Jahre alt geworden, bisher blasser Vize im Flughafen-Aufsichtsrat, will nun von Wowereit, der scheiterte, den Vorsitz übernehmen. Den, so schrieb der „Spiegel“, „undankbarsten Job Deutschlands“. Da soll Platzeck von Wolfgang Schäuble, den er fast zwei Jahrzehnte kennt und schätzt, der wie viele andere Zweifel an dieser berlin-brandenburgischen Rochade hatte, mit dem Satz begrüßt worden sein: ob er sich allen Ernstes sein Leben versauen wolle?

Sein Einsatz bei der Oderflut 1997 machte den damaligen Brandenburger Umweltminister Platzeck als "Deichgraf" bekannt.
Sein Einsatz bei der Oderflut 1997 machte den damaligen Brandenburger Umweltminister Platzeck als "Deichgraf" bekannt.Foto: dpa

Ach, wenn es nur das wäre. Dann wäre die Welt des Matthias Platzeck, den selbst Gegner sympathisch finden, der immer etwas Preußisches hatte, halbwegs in Ordnung. Nur dass es, wie er selbst eingesteht, um sein Schicksal geht, ja, um sein politisches Lebenswerk. Er setzt, anders als Klaus Wowereit, darauf: alles oder nichts.

Wenn am Montag da oben auf dem Brauhausberg in Potsdam Brandenburgs Landtag wieder einmal zu einer Sondersitzung wegen des Fluchhafens zusammenkommt, wird Platzeck die „Vertrauensfrage“ stellen. Auch das ist wieder so eine Premiere, die einiges darüber sagt, wie – trotz der äußerlich noch stabilen Lage – selbst in Brandenburg vieles im Rutschen ist: Manfred Stolpe, von dem Platzeck das Land 2002 übernahm, hatte sich nie in solcher Not gesehen, zum letzten Mittel zu greifen, zum letzten, ehe nur noch der Rücktritt bleibt.
Ein „Höllenritt“ sei es, sagen Vertraute. Den Brandenburger Weg, wie Platzeck womöglich doch die schlimmste Krise überstehen könnte, wie vielleicht alles zu retten sei, hatten sie letztes Wochenende entwickelt. Kurz bevor alles öffentlich wurde.

Der Botenbrief von Technik-Chef Horst Amann, dass die Eröffnung des BER zum 27. Oktober 2013 nicht zu halten sei, war keine 24 Stunden alt. Da trafen sich bei Matthias Platzeck, zu Hause in Potsdam-Babelsberg, die engsten Vertrauten: Generalsekretär Klaus Ness, Staatskanzleichef Albrecht Gerber und einer, der nicht unterzukriegen ist: Manfred Stolpe, 76 Jahre alt, sein Vorgänger im Amt, der damals als Bundesverkehrsminister eine ähnliche Krise bei der Einführung der Maut überstand.

Ein Szenario kam nicht in- frage, wurde sofort verworfen: dass Platzeck sich aus dem Aufsichtsrat zurückzieht, in die Potsdamer Staatskanzlei, dass er „nur“ noch regiert, auf Volksfesten durchs Land tingelt, aber mit dem wichtigsten Regierungsprojekt quasi nichts mehr zu tun hat. So sagte er es auch am Sonntagabend bei Günther Jauch in der Sendung über die "Flughafen-Versager" im Berliner Gasometer, als er sich als einziger Verantwortlicher stellte. Alle anderen hatten abgesagt, die Herren Wowereit und Ramsauer, die Flughafenchefs Rainer Schwarz und Horst Amann, und wie sie alle heißen. Angegriffen, aber mit diesem unnachahmlichen Platzeck-Blick, sprach er aus, was ihn jetzt antreibt: "Ich bin brandenburgisch-preußisch erzogen. Es ist doch ganz einfach entweder das Ding fliegt oder ich fliege. Und das war es dann auch."

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