Flughafen Tempelhof : Autonome erschrecken Flughafen-Anwohner

Die Aktion war als Protest gegen vermeintliche Pläne für Luxusbauten auf dem Flughafen Tempelhof geplant, doch sie hinterließ nur verängstigte Mieter: Unter offziellem Logo hat eine linke Initiative Briefe mit Mieterhöhungen in Neukölln verteilt.

Ferda Ataman

Die Hekimoglus sehen den Flughafen Tempelhof, wenn sie aus dem Schlafzimmer in Neukölln blicken. Das Ehepaar ist foh, das seit einem halben Jahr kein Lärm und Gestank mehr von dem Gelände in die Wohnung in der Leinestraße kommt. Doch vor wenigen Tagen hat Mutter Zehra Hekimoglu ein Schreiben aus dem Briefkasten gezogen, das ihre Familie sehr beunruhigt hat. „Mein Vater hatte kurz Panik“, sagt die 27-jährige Tochter Berrim Hekimoglu, „meine Mutter hat schon überlegt, wo wir in Zukunft hinziehen könnten“.

In dem Brief, der sich „an alle Mieter“ richtet, stand folgender erster Satz: „Hiermit teilen wir Ihnen mit, dass aufgrund der veränderten Situation in Ihrer Umgebung nicht davon abgesehen werden kann, Ihre Miete zu erhöhen“. Darüber ist das Logo der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag abgedruckt, der das Haus gehört. Weiter heißt es in dem Schreiben: „Die Pläne des Berliner Senats sehen vor, in Ihrer Umgebung Luxuswohnungen zu errichten.“ Mit den erhöhten Mieteinnahmen sollen angeblich die bestehenden Häuser saniert und dem neuen Standard „angepasst“ werden. Wer das Geld nicht aufbringen könne, möge „ohne großes Aufsehen seine Wohnung räumen“. Erst auf der Rückseite des Schreibens wird die Herkunft der Hiobsbotschaft aufgelöst. Hier bekennt sich die Initiative „Squat Tempelhof“ als Absender, eine Gruppe linker und autonomer Aktivisten, die „auf diesem Wege mitteilen“ wolle, „was mit Ihrem Kiez und Haus passieren wird“.

Die Schocktherapie soll vor der Entstehung eines „luxuriösen Quartiers“ auf dem Flughafengelände warnen, das „zwangsläufig Konsequenzen für die angrenzenden Bezirke“ haben werde. Vor allem kritisiert die Initiative, dass der Senat keine Bürgerbeteiligung vorsehe, bei der Entscheidung über die Nachnutzung des Flughafenareals.

„Der Brief ist eine Frechheit“, sagt Studentin Berrim Hekimoglu, „in dem Haus wohnen viele Einwandererfamilien, die meisten werden das nicht als Scherz verstehen und sich große Sorgen machen“. Mutter Zehra Hekimoglu berichtet von Nachbarn, die beunruhigt sind, weil in dem Schreiben außerdem zu einer Massenbesetzung des Flughafengeländes am 20. Juni aufgerufen wird. „Wir werden viele sein und sind wütend“, droht die Initiative im Internet. „Wir wollen früh genug eingreifen und ein Zeichen setzen, dass wir diese Entwicklung der Stadt nicht hinnehmen.“

Bei den Anwohnern verursacht die Ankündigung eher Unbehagen. Denn von einem „Bürgerkrieg im kommenden Monat“ ist bereits die Rede. Eine Nachbarin habe Zehra Hekimoglu empfohlen, an dem Tag zu verreisen.
Doch die türkische Familie, die vor eineinhalb Jahren aus Wedding hergezogen ist, macht sich keine großen Sorgen. „Der Senat wird so einen Aufstand nicht zulassen“, sagt die 47-jährige Zehra Hekimoglu. Allerdings sei sie inzwischen unsicher, ob das Gelände vor ihrem Fenster in Zukunft sinnvoll genutzt werde. „Wir hören ständig so viele Theorien darüber, was mit dem Flughafen geschehen soll, dass ich total verwirrt bin.“ An einer Stelle teilt die Schulpädagogin sogar die Ansicht der Autonomen: „Eine öffentliche Grünanlage könnten wir hier gut brauchen“, sagt sie. Ferda Ataman

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