Flughafensprecher in der Kritik : „Eigennützige Wutbürger“

Flughafensprecher Ralf Kunkel unterstellte BER-Gegnern in einem Vortrag, die Vernunft der Mehrheit zu blockieren. Nun gerät er selbst in die Kritik.

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Seit 2006 leitet Ralf Kunkel die Pressestelle der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH. In einer Ehe würde man vom verflixten siebten Jahr sprechen, in dem sich bekanntlich viele trennen. Aber genau das kommt Kunkel nicht in den Sinn. Seinen Job, der angesichts der Pannenserie des künftigen Großflughafens wahrlich nicht beneidenswert ist, sieht er nach wie vor als große Herausforderung an. Dass seine Arbeit manchmal auch frustrierend sein kann, kam dem 44-jährigen Franken bisher nie über die Lippen.
Doch derzeit trifft Kunkel die öffentliche Kritik, weil er auf einer Veranstaltung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft Ende Februar die Gegner des Flughafens unter anderem als „eigennützige Wutbürger“ und „radikale Egoisten“ bezeichnet haben soll. Thema des Vortrags, der jetzt öffentlich wurde, war die Kommunikation von Krisen und schwierigen Themen.
Kunkel soll dabei unter anderem die These vertreten haben, dass Großprojekte in Deutschland fast nicht mehr möglich seien, weil der „Eigensinn des radikalen Egoisten“ die „Vernunft der Mehrheit“ blockiere. Den meisten Wortführern gehe es um „Beschaulichkeit in Vororten, nicht um mehr Demokratie und Bürgerbeteiligung“.
Außerdem seien es nicht nur „hehre Ziele wie die Stärkung von Bürgerrechten oder der Schutz seltener Käfer, die die Bürger antreiben. Meist sind es ganz profane persönliche Motive. In den meisten Bürgerinitiativen geben Immobilien- und Hausbesitzer den Ton an. Die Sorge um die Wertminderung des eigenen Grund und Bodens ist eine maßgebliche Antriebsfeder des Protests.“
Ralf Kunkel ist sich klar darüber, dass es in einer Demokratie legitim ist, die eigenen Interessen zu vertreten. Was ihn zu ärgern scheint, ist, dass dies häufig mit allgemeinen Werten wie mehr Demokratie oder Bürgerbeteiligung verbrämt wird.
„Bürgerbeteiligung ist sehr wertvoll, wie die Flugroutendiskussion eindrücklich gezeigt hat“, sagte Kunkel am Sonnabend dem Tagesspiegel. „Aber manchmal gerät leider der Blick aufs Ganze in den Hintergrund: Der Flughafen BER ist bei allen Problemen das wichtigste Zukunftsprojekt für mehr Arbeitsplätze und weniger Fluglärm in unserer Region.“ Ausführlicher wollte sich der Flughafensprecher nicht äußern, auch nicht zu seiner auf der gleichen Veranstaltung geäußerten Kritik an Politikern und Medien.
Letztere hatten in den vergangenen Tagen ohnehin befremdet auf die „neue Informationspolitik“ von Flughafenchef Hartmut Mehdorn reagiert. Der hatte am 1. Mai die Arbeitsgruppe „Sprint“, die sich um die beschleunigte Fertigstellung des Flughafens kümmern soll, zum Auftakttreffen bestellt. Journalisten waren nicht zugelassen, stattdessen wurde eine knappe Pressemitteilung verfasst und ein PR-Video nachgeschoben.
Solche Videos für soziale Medien zu erstellen, ist nach Kunkels Auffassung eine Standardaufgabe moderner Pressearbeit. Auf die Vorhaltung, dass Journalisten keine vorgefertigten Informationen mögen und nachfragen wollen, sagte er: „Der Auftakt zu Sprint war schlichtweg ein interner Termin der Flughafengesellschaft.“ Ansonsten sei man immer offen für Fragen und Herr Mehdorn stark an Kommunikation und Transparenz interessiert. Sandra Dassler

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