Fluglärm : Boykottiert Nachtflüge!

Fünf Stunden ungestörter Schlaf sollen genug sein für die Anwohner des Flughafens Schönefeld. Dabei macht nächtlicher Fluglärm krank. Nachdem die Klage dagegen vergebens war, hilft jetzt nur noch der Verstand der Passagiere.

von
Stefan Jacobs
Stefan JacobsFoto: Doris Spiekermann-Klaas

Meine Tochter ist zum Glück erst knapp fünf Monate alt. Deshalb muss ich ihr jetzt nicht erklären, warum die Nacht bei uns im Berliner Südosten nur fünf Stunden hat. Im Gegenteil, wahrscheinlich bekommen wir eher das Problem, dass sie später im Urlaub ohne den Fluglärm nicht einschlafen kann und morgens völlig verdreht aufwacht, wenn kein Gedröhn sie weckt. Vielleicht kommt dann mal das Fernsehen zu Besuch und lässt sie erzählen, dass ihr ohne den Fluglärm was fehlen würde. Es gibt solche Geschichten ja schon von Leuten, die an der Autobahn wohnen und mit ihrer ungebrochenen Lebensfreude scheinbar den Beweis dafür liefern, wie gesund nächtlicher Krach ist. Hoffentlich sagt das Kind dann auch, woran seine Eltern gestorben sind. Oder wir haben Glück und das Fernsehen kann uns noch selber fragen. Sofern wir nicht zu schwerhörig oder gaga geworden sind.

Mit der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom Donnerstag ist die vorerst letzte Hoffnung von weit mehr als 100 000 Menschen rund um Schönefeld auf eine ruhige Nacht zerronnen. Nicht nur Privatleute, sondern auch mehrere Gemeinden hatten die Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr einklagen wollen. Jetzt bleibt nur die allzu vage Aussicht auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte – weil es ein Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit gibt. Das klingt hochtrabend und wenig Erfolg versprechend, aber ist so abwegig nicht: Das gewiss nicht der Öko-Sektiererei verdächtige Umweltbundesamt hat vor zwei Jahren in einer Studie anhand der Daten von mehr als einer Million (!) gesetzlich Krankenversicherten ab 39 Jahre um den Flughafen Köln-Bonn die Risiken durch nächtlichen Fluglärm untersuchen lassen. Fazit: Das Risiko von Herz- und Kreislauferkrankungen wächst „von niedrigen Dauerschallpegeln an“ linear. Dieser Punkt ist besonders für jene Mehrheit der Betroffenen bedeutsam, die wegen des formal noch erträglichen Lärms in ihrer Wohnung vom Flughafen keine Schallschutzfenster oder Lüfter spendiert bekommt. Wobei der „Dauerschallpegel“ nicht stetigen Lärm meint, sondern das Mittel aus Krach und Ruhe. Weitere Erkenntnis: „signifikant erhöhte Erkrankungsrisiken“ an Depressionen für Frauen. Der ursächliche Zusammenhang mit dem Fluglärm stehe nach wissenschaftlichen Maßstäben fest, schreiben die Autoren. Der Zusammenhang zwischen Bluthochdruck und nächtlichem Fluglärm ist übrigens schon seit 1977 wissenschaftlich belegt. Nur sind die Krankheitskosten in der Wirtschaftlichkeitsberechnung für den neuen Flughafen leider vergessen worden.

Die Gerichtsentscheidung macht die Fehlentscheidung für den Standort Schönefeld für die Anwohner noch schlimmer. Vorerst bleibt neben der vagen Hoffnung aufs Europagericht nur der Menschenverstand. Der sagt, dass es ziemlich blöd ist, um 3.54 Uhr in die S-Bahn zu steigen, damit man rechtzeitig um 4.40 Uhr an der Sicherheitskontrolle seine Schuhe und seinen Gürtel ausziehen kann, um das Flugzeug um 5.30 Uhr zu erreichen. Abgesehen davon würde ich mir bei der Vorstellung, dass der Pilot um diese Zeit so ähnlich in Form ist wie ich selbst, möglichst noch vor dem Start die Schwimmweste aufblasen. Anderen Leuten scheint es ähnlich zu gehen, denn laut einer Emnid-Umfrage wollen 90 Prozent der Bundesbürger nachts nicht fliegen. Zwar haben die Meinungsforscher das im Auftrag des Anti-Schönefeld-Vereins BVBB ermittelt, dessen Spitzenpersonal manchmal ähnliche Reaktionen auslöst wie Düsenlärm. Aber die Umfrage ist repräsentativ und aktuell.

Ein Start kurz vor Mitternacht ist zwar für die Passagiere besser bekömmlich, aber bedingt fast immer eine Landung zur Unzeit, weil man westwärts mit der Nacht mitfliegt und ostwärts entweder sinnlos früh (Kurzstrecke) oder erst spät am Tag (Langstrecke) ankommt. Späte Easyjet-Flüge nach Großbritannien sind insofern ein Sonderfall, als besoffene Engländer gar nicht schnell genug ausgeflogen werden können. Und Landungen um kurz vor Mitternacht in Schönefeld verlieren zumindest für die Passagiere ihren Schrecken, weil die Durchquerung des gruftigen Tunnels vom Airport zum Bahnhof künftig entfällt. Nur nützt das den Leuten in der Einflugschneise nichts (wo führen doch gleich die aktuellen Flugrouten entlang?), und nachts um eins in Spandau oder Charlottenburg anzukommen, ist auch nicht wirklich praktisch. Es spricht also alles für einen Nachtflug-Boykott. Wer die Chance hat, morgens auch eine Stunde später nach Mallorca oder Mannheim aufzubrechen, sollte sie nutzen – und damit sowohl sich selbst als auch den Leuten im Südosten etwas Gutes tun. Wenn die Airlines ihre Maschinen zur Unzeit nur mühsam voll bekommen, kann sich der viel beschworene Bedarf teilweise von selbst erledigen.

Unsere Denker und Lenker aus Politik und Wirtschaft können solch kleingeistigem Querulantentum natürlich wenig abgewinnen – sofern es sich nicht zufällig um den jeweiligen Ortsverband Treptow-Köpenick handelt. Dort warben selbst CDU und die selige FDP vor der Wahl für Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr, die Christdemokraten sogar in Zeitungsanzeigen. Das war angesichts der gegenteiligen Beschlusslage der Landespartei ein Bauernfang sondergleichen, aber versuchen konnte man’s ja mal.

Jetzt ist die Wahl vorbei und die sogenannte Jobmaschine zu schmieren, damit ihr der Sand nichts tut, den ihr die lästigen Bürger ins Getriebe streuen. Jene Jobmaschine, die der schwarz-rote Senat 1996 unbedingt so nahe an der Stadt haben wollte, dass er wider allen Fachverstand den Standort Schönefeld – den schlechtesten von dreien – durchsetzte. Was hat’s Berlin bisher gebracht? Der Wirtschaftsaufschwung im südlichen Neukölln ist legendär, nicht wahr? Und das schon vor seinem Beginn!

Besonders beliebt in meiner Nachbarschaft sind übrigens die empörten Hinweise von Tegel-Veteranen, sie selbst hätten es seit nunmehr 20, 30, 40 Jahren in der dortigen Einflugschneise aushalten müssen und deshalb quasi ihr Leidenssoll erfüllt, weshalb sich die Südossis jetzt gefälligst nicht so aufspielen sollen. Ja, Leute, ihr seid tapfer. Aber ist das ein Grund, eine notgedrungen (Mauer!) schlechte Lösung ohne Not durch eine ähnlich schlechte zu ersetzen?

Spannend wird, ob es um Schönefeld eine Bevölkerungsexplosion gibt. Viele Leute sind ja schon am Donnerstag explodiert, als das Gericht seine Entscheidung verkündet hat. Anderen wird es ähnlich gehen, wenn im Juni 2012 der Flughafen in Betrieb geht und sie den Unterschied zwischen einem Halbstunden- und einem Zweiminutentakt live erleben. Soll ich meiner Tochter zum ersten Geburtstag einen Umzug schenken? „Geh doch nach Tegel!“, hat ein Kollege gesagt. Gute Idee. Nur der Weg zum Flughafen scheint mir dann ganz schön weit.

Wer die Chance hat, auch eine Stunde später loszufliegen, sollte sich selbst

und den Anwohnern diesen Gefallen tun

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