Berlin : Folge den Reißzwecken

Auf der Suche nach dem „Schatz von Gon“: Erwachsene gehen auf Schnitzeljagd durch Berlin

G,a Bartels

Nebel wabern. Ein Käuzchen schreit heiser. Und lautlos wie Schatten huschen Menschen auf ein verfallenes Gemäuer zu. Schnitt.

Die Sonne lacht über der Klosterstraße. Und ein Haufen Schatzsucher in Jeans bleibt an der vergitterten Kirchenruine kleben. „Mist, geschlossen“, sagt einer. Sonst sei immer offen, bedauert Spielleiter Martin Hiller. Der „Hüter von Gon“ trägt statt eines Kapuzenmantels ein Hemd mit verschnörkeltem „G“ auf der Brust. Und was in seiner Hand so silbern blitzt, ist ein Handy und kein Schwert.

„Wir sind ja auch keine Mittelalter-Freaks“, meint Hiller, 35 und Diplom-Kaufmann, der das Stadtspiel erfunden hat. „Aber wir haben Spaß am Spielen, Rätseln, Berlin entdecken und einer Prise Fantasy und Abenteuer“, ergänzt sein Partner Mario Galic, 29 und Student.

Auf die Idee zu „Der Schatz von Gon“ ist Martin Hiller durch Dan Browns Bestseller „Illuminati“ gekommen. Das sei auch so eine immer neuen Hinweisen folgende Schnitzeljagd durch Rom. So was ginge doch auch in Berlin, habe er letzten Herbst gedacht. Inzwischen bietet die „Gesellschaft von Gon“ regelmäßige Schatzsuchen für Privatleute und Gruppen aus Berlin oder Wuppertal an. Auch Bürogruppen aus Banken, Versicherungen oder Diakonie melden sich an. Die Touren dauern fünf Stunden und führen zu Fuß, mit Bus und Bahn kreuz und quer durch die Innenstadt. Tageskarte und Museumseintritt inklusive. Tote Kardinäle wie in „Illuminati“ gibt’s dabei nicht zu entdecken, aber geheime Orte, sagenhafte Geschichten und eine Glücksformel, eben den Schatz von Gon.

„Coole Sache“, meint Bautechniker Birol Isikay, 34, die Ruine sei ihm vorher noch nie aufgefallen. Sieben Schatzsucher grübeln, was das wohl einst gewesen sei. Ein Franziskaner-Kloster, weiß Schatzhüter Hiller. „Und da saß Berlins erste Druckerei“, meint Birol Isikay. Woher er das plötzlich weiß? Na, stehe doch dran. „Wer lesen kann, ist gleich im Vorteil.“ Die andern sind begeistert.

Dann bekommen sie vom „Hüter von Gon“ eine Tasche in die Hand. Der Inhalt wirkt reichlich rätselhaft: eine Flasche mit Reißzwecken, Würfel, Magnet, ein Plan und ein gereimtes Rätsel. „Der Kurs genau nach Süden weist / zu einer Straße, die auch heißt...“. Mehr wird nicht verraten. Der Pfad und die zum „Schatz von Gon“ führenden Stationen sind natürlich streng geheim. Die Gruppe rätselt wild durcheinander. Marc Wels, 39, ist dafür aus Hermsdorf gekommen. „Leute treffen und zusammen was Fantasievolles machen, find ich toll.“ Und ab geht die Schnitzeljagd.

Das Wissen um die zweite Gruppe, die ein paar Straßenecken weiter startet, steigert die Spannung ganz ungemein. Es sei ganz schön anspruchsvoll gewesen, zwei komplett unterschiedliche, aber gleich lange Pfade zu entwickeln, sagt Mario Galic. Maximal 15 Leute stark dürfe eine Schatzsuchertruppe sein, sonst werde sie zu langsam. Und wenn ein Team nicht weiter weiß? Für solche Fälle gebe es den geheimnisvollen „Ratgeber“. Der sorgt genau wie die kleine Zwischenmahlzeit dafür, dass Indiana Jones’ Jünger nicht vor dem Ziel schlappmachen. Ein Hinweis kann übrigens alles sein: Gebäude, Inschrift, Denkmal oder versteckter Briefumschlag.

Die Geschichte der Suche nach dem Schatz von Gon lässt sich so pi mal Daumen mit der nach dem Heiligen Gral vergleichen. Sie mäandert durch die Jahrhunderte wie die Schatztour durch Berlin. Das Rätsel solle man mit einem Augenzwinkern lösen, sagt Mario Galic, der keinen Topf goldene Taler verspricht. „Am besten ist, dass man beim Spielen wieder total zum Kind wird.“ Tatsächlich sind die am Ziel eintrudelnden Schatzsucher aufgekratzt wie eine Horde Schüler. Auch wenn sie Mitte 50 sind, so wie Michael und Dagmar Weiß Jensen. Spannend und kniffelig sei’s gewesen, meinen sie. „Wir haben uns mit Humor ernst genommen.“ Und Teamgefährte Dirk aus Spandau sagt: „Ich hab’ viel Neues entdeckt, aber wiederfinden würde ich’s nicht.

Infos unter Tel. 700 96 225 oder www.der-schatz-von-gon.de

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